wehrhaft – aber nur
gegen die Okerfluten

abhängen – rund
um das petriwehr

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Geländer der Gaussbrücke mit Blick auf die Oker

Naherholung, das ist in Braunschweig wirklich NAH-Erholung. Mal eben in der Mittagspause „abhängen“ (diesen längst überholten Begriff unserer Kinder haben die Enkel längst durch „Chillen“ ersetzt): Auch wer weder Lust auf noch Zeit für Harz oder Heide hat, kommt bereits auch fast mitten in der Stadt zur Ruhe. Das Zauberwort heißt: Oker, korrekter Okerumflut.

Der südlich von Braunschweig in zwei Arme umgeleitete Fluss, der im Harz entspringt, umgibt die Stadt und bildete vom Mittelalter bis  Ende des 18. Jahrhunderts die mit Wällen zusätzlich geschützte Stadtgrenze. Na ja, damals kam allenfall der hochwohlgeborene Adel auf die verwegene Idee zu „chillen“.

militärisch ab –
und grün aeeufgerüstet

Im 17. Jahrhundert gingen die Braunschweiger auf „Nummer sicher“ und bauten die – bereits vorhandenen Wallanlagen zu 16 wehrhaften Bastionen um. Aber bereits 1803 dämmwerte es den Braunschweigern, dass das militärische Gedöns völlig sinnfreu – und obendrein hoffnungslos veraltet war- Braunschweig tat etwas, was heutzutage weltweit klug wäre: Zumindest die sinnlosen Wehr- und Wallanlagen samt Bastionen wurden komplett abgerüstet.

Aber man beließ es nicht bei der von einer eigens einberufenen „Wall-Demolierungs-Kommision mit deutscher Gründlichkeit geplanten und vollzogenen Schleifung der Wehranlagen – sondern baute die Wälle zu Parkanlagern am Okerumflutgraben um.

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Villa Löbbecke am Inselwall

 

Und wo es grün ist, da wird dann auch gern gebaut. Eines der schöneren Besipiele findet sich auch heute noch am Inselwall: Die Villa der Bankiersfamilie Löbbecke, im Neorenaissance-Stil 1880 vom Architekten Constantin Uhde gebaut (zwischendurch mal Gästehaus der Technischen Universität Braunschweig, mittlerweile ein Bürohaus). Nach der Schleifung der Wallanlagen war dort zunächst ein großes Gartengrundstück  Der damalige Braunschweiger Star-Architekt entwarf übrigens 1882 südlich von der Löbbecke-Villa den Bammelsburger Teich, gemeinsam mit dem Gartenarchitekten und „Promenadeninspektor“ Friedrich Kreiß.

fischreiher
Der Bammelsburger Teilch – mit seinem Stammgast enem Fischreiher

Neben dem Theater- und Museumpark am östlichen Okergraben und dem Bürgerpark flussaufwärts im Süden der Stadt ist der Inselwallpark am westlichen Okerumflutgraben schon lange ein bevorzugtes Ziel sowohl für die kurze Pause zwischendurch als auch für Hobby, Spiel und Spa0 von morgens bis spät am Abend (während der warmen Jahreszeit zumindest)

Warten auf den ganz großen Fang – unterhalb des Petriwehr (auch Maschwehr genannt)

 

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Das Wehr – von oben gesehen

 

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Wer von Süden maritim über das Wehr will, muss sein Böötchen erst mal eine Weile zu Fuß befördern

Text&Fotos © 2016 Jos van Aken

Hier die Fotos aus dem Beitrag im Überblick („Diaschau“):

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ein klavier, ein klavier
(oder eine brücke?)

Was hat um des Herrn Vicco von Bülow willen ein Klavier mit der just feierlich eröffneten „Ringgleisbrücke“ über den Fluss Oker in Braunschweig zu tun? Ich gebe zu, dass sich der Zusammenhang nicht mit zwei Sätzen schlüssig erklären läßt. Aber glauben Sie mir zunächst einmal einfach, dass mir bei der ersten Annäherung und Begehung an das epochale Bauwerk (oder nennt man das bei der Nutzung eines Rollstuhls politisch korrekt eine Berollung?) spontan ein beliebtes Musikinstrument einfiel: Das Geschenk einer gewissen Berta Panislovski aus Massachusetts an ihre „harmonische kleine Familie in Deutschland“. Einer meiner berüchtigten – nennen wir es höflich „Geistesblitze“. Wie auch immer: für mich ist die neue Ringgleisbrücke an der Feuerwehrstraße (so der korrekte unfreiwillig komische Name) die „Klavierbrücke“.

Bruecke_Ostseite

Wohl fast jeder kennt den Sketch des oben erwähnten Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow, kurz Vicco von Bülow genannt und uns besser bekannt unter seinem Pseudonym „Loriot“ – die französische Übersetzung der deutschen Bezeichnung für den Wappenvogels des alten mecklenburgischen Adelsgeschlechts der Bülows: Einem Pirol – französisch eben „Le loriot“. Übrigens bin ich der Meinung, dass die Bülows den schrägen Vogel in ihrem Wappen zu Ehren ihres kreativen Sohnes durch mindestens einen Mops ersetzen sollten.

irrsinn am deutschen kaffeetisch

Der nicht alltägliche Irrsinn der Geschichte ist bekannt. Familie Panislovski bringen „gemütlich am heimisch-deutschen Kaffeetisch“ sitzend zwei Möbelpacker zur Verzweiflung, weil Vater P. sich mit einem „Home-Video“ von der Lieferung des Klimperkastens bedanken will, das seine Mutter, Berta Panislovski, aus dem fernen Massachusets spendiert und speditioniert hat.

Natürlich geht alles bei der dem Dreh mit Laienschauspielern schief, was nur irgendwie schief gehen kann (fast wie im echten TV-Leben). Die Folge: Die Klavierschlepperei muss gegühlt endlos wiederholt werden – jeweils gekrönt von dem Begeisterungsschrei von „Muttilein“, gespielt von niemand geringerer als Evelyn Hamann: „Ein Klavier, ein Klavier!“

eigentlich

Diese nicht sonderlich tiefgründige Evokation ist längst in den deutschen Sprachgebrauch übergegangen – meist um nicht wirklich ehrlicher Faszination Ausdruck zu geben.

Aber, ganz ehrlich: Mit Brücken haben weder der Loriot-Sketch noch das erwähnte Klavier auch nur das geringste zu tun.

Eigentlich.

Bruecke_Westseite

Wieso musste ich aber, ohne es zu wollen, an den Holzkasten mkut weißen und schwarzen Tasten sowie zwei oder drei Pedalen denken beim ersten Anblick der recht gelungenen Wiederherstellung der Oker-Querung in Höhe des Braunschweiger Heizkraftwerks Mitte?

Eigentlich ganz einfach, wenn auch nicht unbedingt wirklich logisch: Das berühmte Loriot-Hamannsche „Klavier, Klavier“ ist zwar unbewiesen aber höchst wahrscheinlich eine Hommage an einen der ganz großen, allerdings wegen seiner Verehrung des Massenmörders Hitler umstrittenen Clowns des vorigen Jahrhunderts: Charlie Rivel.

Bruecke_Pfeiler

Der bleibt bei von den zirzensischen Künsten verzauberten Menschen nicht nur wegen seiner roten Vierkantnase, dem rote Haarkranz um die „Glatze“ und sein bodenlanges rotes Kostüm im Gedächtnis. Zu seinen unverwechselbaren clownischen „Markenzeichen gehörten vor allem auch sein Kampfruf „Akrobat schö-ö-ön“, der auch zum Titel eines Films von Wolfgang Stadte aus dem Jahr 1942 (natürlich mit Charlie Rivel in einer Hauptrolle) wurde, sondern auch sein herzzerreißendes (und die Zwerchfelle der Besucher strapapazierenden Schluchzen und Weinen – und seine Evokation „Eine Brücke, eine Brücke!“

Bruecke_erbaut_1885

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Ob Loriot ein Liebhaber der Rivelschen Clownerien war, ist nirgends vermerkt, aber doch eher wahrscheinlich. Und dass aus „Eine Brücke, eine Brücke“ „Ein Klavier, ein Klavier“ wurde (bewusst oder unbewusst) ist dann schon folgerichtig.

Und weil Loriot mir nun mal näher ist als Rotnase und notorischer Hitler-Geburtstagsgratulant, wenn auch genialer Clown Rivel, muss ich beim Anblick der schmucken neuen alten Ringgleisbrücke fast zwanghaft an ein Klavier denken.

Jos van Aken