Nicht vergessen: Die toten Kinder am Giersberg und ihre Mütter

Gläubige Christen feierten an diesem Wochenende die wundersame „Wiederaufstehung“ ihres Religionsgründers Jesus Christus, drei Tage nach seiner grausamen Hinrichtung, einer grausamen Kreuzigung. Konkret geht es dabei um die Entdeckung des leeren Grabes Christi in Jerusalem.  Irgendwie  also eine Art „Happy end“ des dramatischen Geschehens rund um das Leben und Sterben des – wie die Christen glauben – „Sohnes Gottes“. Wenn, wie gerade jetzt zu Ostern, wieder mal die Rede vom Grab Christi ist, habe ich eigentlich aber andere, weniger bekannte Gräber vor Augen. Vor einigen Tagen war ich wieder einmal dort:

Zu finden sind sie nicht auf einem der bekannten Friedhöfe der Stadt Braunschweig, wo die sterblichen Überreste der Bürger gern und oft von trauernden – und geschichtsbewussten -Menschen besucht werden, die ihrer verstorbenen Angehörigen gedenken oder die oft kunstvoll gestalteten Gräber berühmter Braunschweiger vom Dramatiker Gotthold Ephraim Lessing  über den Automobil-Pionier Heinrich  Büssing bis hin zum Schriftsteller Wilhelm Raabe zu bewundern.

Der Friedhof, an den ich gerade wieder einmal während der Osterfeiertage denken musste, liegt an der Hochstraße auf dem Giersberg im Schatten des 1901 gebauten Wasserturms. Bis zum Bau des Wasserturms wurde der Platz als Friedhof der katholischen Nicolai-Gemeinde genutzt (Die Nicolaikirche wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört).

Heute dokumentiert dieser wenig bekannte  Friedhof das wohl dunkelste Kapitel der jüngeren Braunschweiger Geschichte und die Verstrickung Braunschweiger Firmen in die Verbrechen der Nationalsozialisten. Während des Zweiten Weltkriegs  wurden in den Jahren von 1942 bis 1944 mehr als 380 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter auf dem ehemaligen Nicolai-Friedhof neben dem Giersberg-Wasserturm begraben.

Die versklavten Frauen und Männer starben an den Folgen menschenunwürdiger Lebens- und Arbeitsbedingungen oder kamen  bei Luftangriffen auf Braunschweig um, denen sie schutzlos ausgeliefert waren.

Sie waren aus Polen, Italien, Belgien, den Niederlanden, Frankreich, Österreich, Ungarn, Bulgarien,  der Sowjetunion und der Tschechoslowakei nach Deutschland verschleppt worden, und mussten auch in Braunschweiger Traditionsunternehmen, vor allem in der Rüstungsindustrie,  unter menschenunwürdigen Umständen arbeiten.

Begraben, gleichgültig verscharrt wurden auf dem Friedhof am Wasserturm auch mehr 150 polnische Kinder. Ihre Mütter mussten sie  in einem im Mai 1943 an der ehemaligen Broitzemer Straße 200 (heute Münchenstraße) von den Nazis errichteten sogenannten „Entbindungsheim“ zur Welt bringen.

Wenige Tage nach der Geburt wurden die Mütter wieder zur Zwangsarbeit geschickt, die Säuglinge blieben unter unvorstellbaren hygienischen Umständen und  ohne wirkliche medizinische Versorgung, von einer gesunden Ernährung ganz zu schweigen in dem „Entbindungsheim“ allein zurück. 

Bis April 1945 starben mindestens 365 Säuglinge und Kleinkinder in den drei Baracken des Heims, hilflos dem Hunger und der Vernachlässigung ausgesetzt. Grausam auch der Umgang mit den kleinen Leichnamen: Sie wurden in  10  kg-Margarine-Kartons verwahrt, im Waschraum gestapelt und gelagert, bis sie nach einigen Tagen fortgebracht wurden berichteten später Zeitzeugen.  Die polnischen Kinder wurden auf den Friedhof an der Hochstraße gebracht und dort achtlos begraben, die sowjetischen Säuglinge im Krematorium verbrannt.

Am Eingang wurde eine Informationstafel aufgestellt. Auf dem Gräberfeld der Zwangsarbeiter wurden Steinplatten mit Namen und Herkunft angebracht und einzelne Steinkreuze aufgestellt. Im hinteren Teil, in dem die Säuglinge und Kinder begraben wurden, wurden weiße Steinkreuze und eine große Steintafel mit allen bekannten Namen aufgestellt.

 

 

 

Text & Bilder: © 2018 Jos van Aken