Vorweihnachtszauber, mit den
zwei Augen der Rolleiflex gesehen

Am Wochenende mache ich – auch bei erträglichem Wetter wie heute – einen großen Bogen um den Weihnachtsmarkt: Das Gedränge ist mir nun doch zu bedrohlich (außerdem habe ich aus meiner Rollstuhl-Perspektive kaum eine Chance, auch nur einen Blick auf das Gebotene zu erhaschen). Aber gestern war ich doch mal wieder da – diesmal mit einer längst historischen Kamera: der legendären „Zweiäugigen“ Mittelformat-Kamera Rolleiflex 2.8F aus den 1970er Jahren.

Die dürfte eines der bekanntesten Produkte aus dem Hause Franke & Heidecke an der Salzdahlumer Straße in Braunschweig sein. Viele Braunschweiger sind nach wie absolute Fans dieser leider letzten „Kameraschmiede“. Die Kamera hat auch nach fast einem halben Jahrhundert ihren ganz besonderen Reiz.

Kommunikative „Nebenwirkungen“ alter Technik

Sie hat nur einen „Nachteil“ (der natürlich keiner ist). Wenn ich mit der unübersehbaren Rollei unterwegs bin, komme ich meist kaum zum fotografieren – weil ich immer wieder von Menschen angesprochen werde, die mit leuchtenden Augen (wie ich selbst  einst als junger Bengel als ich in meiner Hemat, dem unteren Niederrhein, meine erste Rollei, eine Rolleicord Va auf dem weihnachtlichen Gabentisch fand) diese klassische Mittelformat-Kamera, mit der auf 120er Rollfilm im Negativformat 6×6 fotografiert wird, sorgfältig „komponiert“ mit Hilfe des großen Lichtschachtsuchers (waist level finder), der unter anderem den Vorzug einer eher ungewohnten Sichtweise mit sich bringt.

Sagen wir so: Wer in nder Heimatstadt dieser weltberühmten Kameras unterwegs ist mit solch einem Prachtstück, der  wird nicht nur mit den ganz typischen Bildern im quadratischen Rolleiformat belohnt, man lernt (nicht nur in Braunschweig) garantiert viele begeisterte Foto-Enthusiasten kennen, die sich freuen, in unserer sonst eher digitalisierten Welt wieder einmal einem Meisterwerk unserer fotomechanischen Welt zu begegnen.

© 2017 Jos van Aken

Lust -Phantasien und Träume vom
tief verschneiten Weihnachtsmarkt

Was haben weihnachtliche Schnee-Idyllen in Norddeutschland und Lust fördernde Leibesübungen gemein? Wenn sie denn geschehen, ist es ja schön  – klar. Aber diese an sich her nicht nur von den Temperaturen her unterschiedlichen Ereignisse im menschlichen Leben haben – zumindest an Orten unterhalb von ca. 400 Höhenmetern noch eine signifikante Übereinstimmung zu bieten: Wunsch und Wirklichkeit sind – je nach den jeweiligen  Umständen – sind in beiden Fällen eher selten in Einklang zu bringen.

Aber bleiben wir beim Bilderbuch-Winter: Der sieht ja, was die Wünsche vieler Menschen angeht,  nicht nur  und nicht erst seit Frank Sinatra die obligatorische  „White Christmas“ vor; ganz tief in uns drinnen haben wir  doch auch den Kindheitstraum von tief verschneiten, sanft von Kerzen erhellten und Duftwolken von Zimt und Bratapfel verströmenden  Ständen auf dem Weihnachtsmarkt bewahrt.

Ja, wo rieselt er denn? Wo rieselt er denn?

Und ja, es gibt solche „typischen“ Winterwetterphänomene wie klirrende Kälte und romantisch verhüllende Schneedecke trotz (oder wegen?) globaler Erderwärmung und Klimawandel durchaus auch in unseren eher gemäßigten Breiten zwischen Lüneburger Heide und Nordseewellen -gilt natürlich auch für Kieler Förde und Greifswalder Bodden. Aber der Schnee-Zauber bleibt meist die Ausnahme. Hier gilt, frei nach Loriot, die neugierige Frage, Ja, wo rieselt er denn? Wo rieselt er denn?

Aber bleiben wir nun doch noch eine Weile bei dem  – zugegeben auf den ersten Blick total blödsinnigen Vergleich weiter oben: Nach bisher unveröffentlichten – statistisch allerdings bislang nicht bis ins Einzelne belegten Studien Göttinger Professoren (die können so was) könnten sich die  Zahlen der Vorkommnisse der immer wieder von der Fachliteratur fast gebetsmühlenartig beschworenen sagenumwobenen Nächte, in denen Männlein und Weiblein in jeglicher Konstellation beglückend nach Luft jschnappend auf Lust Gipfel kraxeln in etwa die Waage halten mit den von Pulver-Neuschnee bepuderten Weihnachtsmarkt Tagen und Abende zwischen Braunschweig und Flensburg.

Mit einem gerüttelt Maß an angeschmuddelter Phantasie, die man mir gern andichtet, könnte ich in diesem Zusammenhang gar den nicht ganz unlogischen Schluss ziehen, dass hin und wieder auftauchende Bilder von tief verschneiten norddeutschen Weihnachtsmärkten fast so etwas sind wie der schamlose Blick durchs Schlüsselloch auf sich mehr oder weniger erfolgreich vereinende Paare – oder so.

Realistischer Blick im Regen
auf den Braunschweiger Weihnachtsmarkt

Diesem Vorwurf will ich mich natürlich nicht leichtfertig aussetzen. Ich habe deshalb in diesem Jahr den zu Recht gepriesenen Braunschweiger Weihnachtsmarkt rund um den Dom und auf dem Rathausvorplatz bewusst nicht an dem einzigen Schneetag (am 1. Adventssonntag) besucht, sondern an einem ganz und gar typischen trüben und verregneten Weihnachtsmarkt-Nachmittag.

Und wenn Frau Holle doch wieder ihre Bettwäsche (!) auch über der norddeutschen Tiefebene lüftet und schüttelt (vielleicht nach einer heißen Liebesnacht mit dem Mann im Mond) – und dabei auch das nicht sinnliche, aber besinnliche und Umsätze fördernde Treiben rund um die Grabstätte des ollen Heinrich und seiner Mathilde trifft – dann kann ich meinen Prinzipien ja vielleicht doch untreu werden. Es lebe der Widerspruch

Text und Bilder © 2017 Jos van Aken

 

Blicke zurück in die (Tetzel-)Kiste
und 95 wirbelnde Luther

Zu den Höhepunkten im Reformationsjahr. mit dem überall in Deutschland an die 95 Thesen erinnert  wurde, die Martin Luther vor 500 Jahren in Wittenberg veröffentlichte und damit die Trennung von katholischen und evangelischen Christen auslöste, gehörten in Braunschweig unter anderem zwei künstlerische Installationen: Da waren zum einen die sturmumwehten 95 Stelen des Bildermachers Wolf Menzel, die einen sich munter im Wind rotierenden Martin Luther im Pop-Art-Stil zeigten (plus eine Stele mit dem Portrait von Johannes Bugenhagen, eines Weggefährten Luthers, der auch in Braunschweig wirkte). Hier einige der Fotos, die ich von der Aktion  Menzels auf dem Platz vor den Schloss-Arkaden gemacht hatte. (Zum Vergößern der Bilder aus dieser kleinen Galerie einfach in das jeweilige Bild klicken)

Und dann war da noch der wandernde Übersee-Container, den der Graffiti-Künstler Olf Lupin in einen symbolischen übergroßen begehbaren  „Tetzlaff-Kasten“ verwandelt hatte. Der Tetzelkasten war zu Luthers Zeiten der Kasten zum Sammeln der Erlöse aus dem Ablassverkauf durch den Dominikanermönch Johann Tetzlaff; das war eine einer florierende Geschäftsidee der römisch-katholischen Kirche, die unter anderem Luther zu seinen berühmten 95 Thesen und der Abkehr von Rom bewegt hatte. Um die Menschen zum Kauf seiner Ablassbriefe zu bewegen, die von Sünden „befreien“ sollten,  ließ Tetzel einen Teufel auf den Kasten malen, der die armen Seelen im Fegefeuer quält. Darüber stand geschrieben: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt.“

Die „Tetzlaff-Kiste“ war von Ende August bis Oktober in Braunschweig „unterwegs“. An Standorten vor mehreren markanten Kirchen wie der Magni-Kirche, der Brüdern-Kirche und dem Dom wurde der mit Graffiti bemalte Überseecontainer zur Spielstätte für musikalische und literarische Aktionen des Kulturnetzwerks „Die Stadtfinder“.

Auch dieser Höhepunkt der Feiern zum Luther-Jahr in Braunschweig war Motiv für einige Fotos, die ich an den Standorten der  „Tetzlaff-Kiste“ neben der Magni-Kirche und vor dem Braunschweiger Dom machte.(Zum Vergößern der Bilder aus dieser kleinen Galerie einfach in das jeweilige Bild klicken)

Text und Fotos © 2017 Jos van Aken

 

Luther, Tetzel und eine Wolke

"Immer" ist ja nicht unbedingt "was los" in Niedersachsens zweitgrößter Stadt, Braunschweig. Aber in diesem weitgehend ausgefallenen Sommer konnten sich Guck-, Kunst- und Eventbeflissene Braunschweiger nicht beklagen. Irgendwas war (gefühlt) immer. Typisches Beispiel: Luther war gerade da, sein liebster Feind Tetzel immer wieder auch mal – und auf dem Burgplatz setzt eine hochwissenschaftliche Wolke einen weiteren Akzent neben Veltheimschem Huneborstelschem und Vieweg Haus – vom Löwen dem Dom und der Fake-Burg Dankwarderode mal ganz zu schweigen

Ich habe  noch einmal in meinen Bildsammlungen geblättert und eine Sammlung von Fotos der jüngsten Braunschweiger "Hingucker"-Events und -Aktionen zusammen gestellt, die ich mit der gut 40 Jahre alten Mittelformat-Kamera Mamiya rb67.

© 2017 Jos van Aken

Hier steht er wirklich (nicht mehr)
und der mit dem Kasten ist nicht weit

Mal standen sie da wie einst der Reformator höchstpersönlich vor dem Reichstag zu Worms, dann verschwanden sie wieder für kurze Zeit (der Sturmgewalt weichend): Die 95 pop-artigen Stelen frei nach einem von vielen Martin Luther-Portraits, die der Renaissance-Maler Lucas Cranach der Ältere der Kunstwelt hinterließ. In Braunschweig erinnern gleich 95 Luher-Stelen des Künstlers Wolf Menzel an die 95 Thesen, mit denen Luther vor 500 Jahren die Reformation initiierte.Hier einige der Fotos, die ich bei Besuchen der Luther-Stelen machen konnte (noch fehlen die jüngsten Bilder, die ich „analog“, also herkömmlich auf Film machte und die noch in Bearbeitung sind).

 

Zum Vergrößern bitte die einzelnen Bilder anklicken

„Hier steht er wirklich (nicht mehr)
und der mit dem Kasten ist nicht weit“
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