Klatschmohn & Heldenarsch

Ob die städtischen Gärtner sich etwas dabei dachten – und wenn ja was, ist nicht bekannt. Ins heitere Grübeln kann aber jedenfalls so mancher geraten, der zurzeit die Symbolfigur des sagenhaften Helden Siegfried am Braunschweiger Burgundenplatz en passant beachtet.

Wunderschönen Klatschmohn haben die Spezialisten für städtisches Blühen und Grünzeugs dem germanischen Recken verpasst, den der später wegen seiner unkritisch anbiedernden Nähe zu den Nazis bekannt gewordene völkisch gesinnte Bildhauer Jakob Hoffmann bereits 1928 als Sinnbild für die im Jahre 1919 gegründete Braunschweiger Siedlung Siegfriedviertel entworfen hatte.

Der Mohn klatscht aber nicht etwa rund um den Siegfried – sondern ausschließlich hinter dem nackten Helden mit seinem wohlgeformten Hinterteil. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.


Text und Bilder © 2017 Jos van Aken

Auch wenn der Sommer
mal streikt: Nass ist Trumpf

So richtig ins Schwitzen hat der Sommer 2017 uns bisher nichtr allzu oft gebracht. Was mich selbst betrifft: Geht klar. Hauptsache, Braunschweig dreht seine Wasserhähne auf und verschafft uns, weise vorausschauend auf den wahrscheinlich letztlich doch nicht aufzuhaltenden Hochsommer feuchtes Vergnügen. Titelbild: Springbrunnen vor dem ECE-Einkaufszentrum Hier einige weitere Beispiele:

Der Brunnen des in der Hedwigsburg lebenden Künstlers Emil Cimiotti (einer der Gründer der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste) lädt während der warmen Jahreszeit vor dem Großen Haus des Braunschweiger Staatstheaters zu Verweilen, Schauen – und natürlich zur Abkühlung ein. Mich verführte die (eher ungewöhnliche Perspektive mit Blick vom Theater auf den Steinweg zu einer weitwinkligen Gegenlicht-Studie ein.

 

 

Einer der zugleich „coolsten“ und irgendwie dabei magischen Orte im Spiel von Dämmer- und Sonnenlicht auf fließendem Wasser: Die Rhododendron-Schlucht des Braunschweiger Botanischhen Gartens mit der Judith-Skulpturder Bildhauerin Sabine Hoppe. IDieses Bild entstand übrigens als „Langzeit“-Belichtung (1/15 sec) mit einer digital speichernden Sony-Minikamera während der Aufnahmen auf Mittelformat-Filmmaterial mit der Mamiya RB 67 (noch nicht entwickelt und bearbeitet)

 

Wasserspielchen vor dem Braunschweiger Rathaus.

 

 

 

Seerosen-Träume im Schul- und Bürgergarten am Rande des Braunschweiger Siegfriedviertels.

 

 

Stillleben mit totem Baum am Rande des Dowe-Sees im Braunschweiger Schul- und Bürgergartens

 

 

Er lächelt der (Dowe)-See, er ladet zum Bade. Hier irrt Schiller, der sein Schauspiel „Wilhelm Tell“ mit diesem „Lied des Fischerknaben“ beginnen lässt. Zu seiner Entschuldigung sei angemerkt, dass der Dichterfürst den Dowesee im Braunschweiger Schul- und Bürgergarten samt Entenhaus und weiblichem Fischerknaben-Ersatz gar nicht kannte.

 

 

… und weils so beruhigend und erfrischend zugleich ist: Hier noch zwei Impressionen vom Dowesee.

 

 

Text und Bilder © 2017 jos van aken

 

 

Beton-Buddies –
im Foto-Farbexperiment

Hier geht’s zu Teil 1 der Serie

Hier geht’s zu Beton-Buddies – Teil 2

Mein kleines Braunschweiger Sommer-Highlight sind (unübersehbar) die Beton-Großskulpturen der Künstlerin Christel Lechner; die hat nach einer ersten Ausstellung vor drei Jahren wieder die Braunschweiger Innenstadt mit ihren „Alltagsmenschen“ bevölkert. Die von mir persönlich als „Beton-Buddies“ getauften Typen sind auch 2017 fast zwangläufig Motive, die uns Fotografen anziehen wie das Licht die sprichwörtlichen Motten. An 17 Standorten laden die Lechner-Buddies zum Skulturenweg und immer wieder neuen Sichtweisen im städtischen Umfeld ein – vom Couchpotatoe-Narr auf historischen Burgplatz über drei unter die (Friseur-)Haube gekommenen reiferen Damen vor der Tourist-Info an der „Kleinen Burg“ bis hin zu Waschweibern vor der mittelalterlichen Magnikirche und bierernst den Kindergeburtstag-Dauerbrenner „Reise nach Jerusalem“ in einer Freezing-Variante spielenden reiferen Herrschaften vor dem ECE-Shoppingschloss.

Uralt-Farbdia-Film mit gestalterischem Potential

Mich haben die freundlichen überlebensgroßen „Invasoren“ fotografisch unter anderem zu einem (nicht ganz freiwilligen) Experiment verführt. Neben Fotografien auf herkömmlichen Mittelformat-Schwarzweißfilm (6×7 cm) habe ich auch einige Fotos auf Farbumkehrfilm (Diapositive) aufgenommen; diese Filme aus meinem eisernen Bestand haben ihr „Mindesthaltbarkeitsdatum“ allerdings seit mehr als 10 Jahren überschritten: Was letztlich dabei herauskommt, ist alles andere als vorhersehhbar.

Wie fast zu erwarten, kam dieser Film (trotz korrekter Entwicklung im e6-Prozess) mit seiner satten Rot-Maskierung und merkwürdigen Fehlfarben aus der Entwicklung zurück. Einige dieser Dias ließen sich „nur“ in einer reinen Schwarzweiß-Version einscannen und weiterverarbeiten. Andere reizten mich, ihre auf den ersten Blick unansehnlichen Farben spielerisch-gestaltend zu neuen Farbfotografien grafisch weiter zu entwickeln. Hier die Ergebnisse im Teil 3 der Serie „Beton-Buddies“.

Christel Lechners Narrr . Die Fehlfarben auf dem überlagerten Dia-Film regten mich zu dieser Farbstudie an.

 

Die „Reise nach Jerusalem“ – in meinem Doppelbelichtungsexperiment hätte nicht nur einer der Spieler keinen Sitzplatz mehr gefunden …

 

Nioch einmal das alte Highlight unserer Kindergeburtstage: Die Reise nach Jeruisalem – farblich mal anders.

 

 

Und auch das „Berliner Paar“ auf dem Hagenmarkt wurde (farblich) von mir ein wenig umgestylt.

Bei der Aufnahme der „Waschweiber“ (Magni-Kirchplatz) auf dem überlagerten (AGFA Agfachrome RSX II 100 Professional) ließen sich die Farben der Original-Szene noch annähernd digital rekonstruieren.

 

Die folgenden Aufnahmen wurden ebenfalls mit dem überlagerten Farb-Diafilm fotografiert. Alle Versuche, die Farben wiederherzustellen, scheiterten – deshalb hier die Schwarzweißumwandlung:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text und Bilder: © 2017 Jos van Aken
Kamera: Mamiya RB67 Professional S
Film: AGFA Agfachrome RSX II 100 Professional
Scan: Canon Canoscan 9000F Mark II

Hier geht’s zu Teil 1 der Serie

Hier geht’s zu Beton-Buddies – Teil 2

Invasion der Beton-Buddies

Hier geht’s zu Teil 1 der Serie

Hier geht’s zu Beton-Buddies – Teil 3

Am Beton scheiden sich wieder mal die Geister der Braunschweiger. Diesmal geht es nicht um notorisch städtebauliche Scheußlichkeiten wie den Anbau am Rathaus oder das nicht wirklich erfolgreich camouflierte Einkaufs-Schloss. Aber es geht doch wieder um Beton, und darüber hinaus geht  es um die nie überzeugend beantwortete Frage „Ist das Kunst – oder kann das weg“.

Vorab: Die Zahl der unerbitterlichen selbsternannten „Kunstkenner“, die sich am „Alltagsmenschen“-Skulpturen-Beton der Wittener Künstlerin Christel Lechner stoßen (wahrscheinlich die große Zehe, wahlweise die rechte oder die linke) hält sich in überschaubaren Grenzen – nimmt man (statistisch und möglicherweise auch politisch nicht korrekt) die Kommentare in den sozialen Netzwerken zum Thema als Anhaltspunkt.

Zumindest gefühlt kommt die Street-Art aber gut an – ganz konkret immer wieder an den lebhaften Kommentaren der Passanten ablesbar, die Christel Lechners „Beton-Buddies“ wie gute alte Freunde begrüßen und sich von den Alltagstypen ein Lächeln ins Gesicht zaubern lassen.

Verdauung à la Brecht

Ich persönlich kann, je länger ich Gedanken oder gar Gefühle daran verschwende, immer weniger mit dem hehren Begriff „Kunst“ anfangen. Oft denke ich, dass Bert Brecht eine ganz brauchbare Definition des Kunstbegriffs geprägt hat. Er stellte lapidar fest:

„Kunst ist nicht, wenn man in die Stube scheißt. Kunst ist, wenn man unter Beifall in die Stube scheißt“.

Aber auch der Versuch des Malers Georg Baselitz (vielen nur bekannt wegen seiner „auf dem Kopf stehenden“ Bilder), sich dem letztlich jeglicher Erklärung entziehenden gummiartigen Begriffen „Kunst“ und „Künstler“ zu nähern, hat was:

„Künstler sind Leute, die etwas tun, für das sich andere schämen würden“

Heitere Begegnungen

Schamlos im Baselitzschen Sinn sind die .Beton-Typen Christel Lechners nicht – zumindest bedecken sie meist züchtig ihre Blößen. Ihre durchgehende Eigenart ist die Heiterkeit. Und da ist es mir völlig wumpe, ob das gekonnte Rumgemantsche von Frau Lechner nun Kunst ist oder nicht. Weg sollte es auf keinen Fall – einfach, weil es ihnen zum Beispiel durchaus gelingt, mir aus einer depressiven Phase heraus zu kommen.

Nachdem ich vor einigen Tagen bereits erste Impressionen mit einer winzigen digital speichernden Kamera von einigen der „Alltagsmenschen“ festgehalten hatte (Beton-Invasoren der netten Art), habe ich jetzt begonnen, einige der Sulpturen(Gruppen) konventionell (also auf Filmmaterial – Negativ-Format 6×7) zu fotografieren. – Für Technik-Freaks: Ich arbeite in diesem Fall mit einer gut 40 Jahre alten Mamiya RB67-Mittelformatkamera.

Den „Narr auf dem Sofa“ liegt auf dem Burgplatz – vor dem dorthin „transplantierten“ Hunebostelschen Haus. Ob er darüber wacht, dass die die dort residierenden Handwerker der Handwerkskammer immer korrekt mit der zahlenden Kundschaft umgehen?

Die Kirche im Dorf lassen und die Wäsche vor derKirche – Waschfrauen vor der Magnikirche
Gut behütet bzw. bemützt – und vom Herrn Gemahl sorgsam beschirmt gegen die sommerliche Hitze: Ein „Berliner Paar“ beim Sightseeing auf dem Hagenmarkt.
„Unter Beobachtung “ der4 Schönen im Kaufhof-Schaufenster sind die beiden kommunizierenden Abfallentworger bei ihrer Pause. Den kontemplativen Alten auf der Rentnerbank( aus Holzpaletten) bringt der ganze Kunst-Rummel um ihn her nicht aus der Ruhe.

Text und Fotos © 2017 jos van aken

Hier geht’s zu Teil 1 der Serie

(Fortsetzung folgt)

Beton-Invasoren
– der netten Art

Hier geht’s zu Beton-Buddies – Teil 2

Hier geht’s zu Beton-Buddies – Teil 3

Vor drei Jahren bevölkerten sie bereits schon einmal die Braunschweiger Innenstadt, machten nicht einmal vor dem Dom Halt, tanzten um Brunnen, nahmen auf dem altehrwürdigen Altstadtmarkt eine Dusche oder saßen einfach nur rum – Geschöpfe der Töpfermeisterin, Bildhauerin und Installationskünstlerin Christel Lechner aus Witten an der Ruhr. „Alltagsmenschen“ nennt die 69jährige  ihre Invasoren: Lebensgroße Skulpturen aus Beton und Polystyrol, einem Schaumstoff.

Jetzt sind sie Lechnerschen Kreaturen zurückgekehrt nach Braunschweig. Diesen Sommer über begegnen Passasnten ihnen (fast) überall in der Innenstadt. Hier erste Eindrücke:

Text & Bilder: Jos van Aken

Beton-Buddies – Teil 2

 

 

edvard m. lässt grüßen

try and error – nicht unbedingt die schlechteste methode der kreativität. zumindest kann ein wenig erfolgreicher versuch im weiten feld gestalterischen schaffens auch schon mal weiter helfen. das bild oben ist natürlich keineswegs der lächerliche versuch, den große edvard munch und seinen „schrei“ nachahmen zu wollen. aber letztlich hat der norweger künstler mit seinem bekanntesten expressionoistischen gemälde, das in gestalt einer unzahl von kopien zu einer art evergreen der bildenden kunst wurde, mich doch zumindest in meiner phantasie angestupst. eigentlich sah das bild so aus: „edvard m. lässt grüßen“ weiterlesen

nun ruhen alle wälder…
… und ’n schönen gruß vom paule gerhardt

… und nicht nur die.

der alte pastor und verseschmied paul gerhardt ließ in der zweiten zeile seines wohl bekanntesten kirchenliedes, das sich seit rund 250 jahren in den klerikalen hitparaden hartnäckig-frömmelnd-besinnlich in den top-ten hält, mit den winterschlafenden nach- und hochwachsenden ressourchen gleich alles „Vieh, Menschen, Städt und Felder“ in tiefen schlaf fallen, war ja sozusagen „ein aufwasch“. in zeile 3 der nr. 477 des evangelischen gesangsbuches stellt er denn nicht ganz unlogisch fest: „es schläft die ganze Welt“ „nun ruhen alle wälder…
… und ’n schönen gruß vom paule gerhardt“
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