Buskers – Braunschweigs Straßenmusik-Fest

Sie gehören in jeder Stadt zum Straßenleben: Musiker in den Fußgängerzonen und auf den Plätzen der Innenstädte. Eine geballte Ladung Straßenmusik bietet Braunschweig an diesem Wohenende: Das Straßenmusik-Festival „Buskers“ (das englische Wort für Straßenmusiker). Auf allen Plätzen und Straßen der Innenstadt machten Braunschweiger und ihre Gäste aus der Region Bekanntschaft mit bekannten und (noch) weniger bekannten Straßenmusiker aus (fast) aller Welt.

Ich bin am ersten Tag des Busker-Festivals mal durch die Stadt gerollt und habe einige fotografische Impressionen gesammelt (Zum Vergrößern die Bilder der Galerie anklicken)

Text und Fotos © 2018 Jos van Aken

Lesen verboten
… noch nicht wieder

Vor 85 Jahren, am 10. Mai 1933 brannte vor dem Braunschweiger Residenzschloss ein Scheiterhaufen. Studenten der Technischen Universität Braunschweig zündeten gemeinsam mit ihrem Rektor und zahlreichen anderen Braunschweiger Bürgern hunderte von Büchern. Die Braunschweiger Zeitungen hatten zuvor zur Teilnahme an der Bücherverbrennung aufgerufen und eine „Schwarze Liste“ mit der Literatur veröffentlicht, die angeblich auf den Scheiterhaufen gehörte.

Mit dem Projekt „Lesen verboten!“ erinnert das Dezernent für Kultur und Wissenschaft der Stadt Braunschweig noch bis zum 14. Mai 2018 auf den 85. Gedenktag der Bücherverbrennung aufmerksam machen. Auf einer kreuzförmigen Folienklebung, die die Gedenkplatte umschließen und dadurch den Ort der Bücherverbrennung von 1933 deutlich markieren wird, sind die Namen der „verbrannten Dichter“ aufgeführt, deren Bücher in Braunschweig in Flammen aufgingen.

Außerdem wurde auf dem Schlossplatz ein transparenter Lese-Pavillon aufgebaut. Im Innern des Pavillons Kisten mit Büchern, die 1933 verboten wurden. Tagsüber fordert der Pavillon zum Lesen der verbotenen Bücher auf, nachts erinnert er, von innen beleuchtet, symbolisch an den  Ort der Bücherverbrennung

Die Aktion vor 85 Jahren, nur wenige Monate nach der Wahl des Massenmörders Adolf Hitler zum Reichskanzler, unter dem Motto „wider den undeutschen Geist“ war deutschlandweit vom Deutschen Studentenbund organisiert worden. Verbrannt wurden Bücher von 131 vor allem jüdischen,  sozialdemokratischen, marxistischen und pazifistischen Autoren, unter anderem die Werke von unter anderem die Werke von Karl Marx, Franz Kafka, Heinrich Mann, Erich Kästner, Sigmund Freud, Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky.

Mit dem Projekt „Lesen verboten!“ machtdas Dezernent für Kultur und Wissenschaft der Stadt Braunschweig noch bis zum 14. Mai 2018 auf den 85. Gedenktag der Bücherverbrennung aufmerksam machen. Auf einer kreuzförmigen Folie, die die Gedenkplatte umschließt und dadurch den Ort der Bücherverbrennung von 1933 markiert, sind die Namen der „verbrannten Dichter“ aufgeführt, deren Bücher in Braunschweig in Flammen aufgingen.

Zur Erinnerung und Mahnung an die Bücherverbrennung hatte der Braunschweiger  Oberbürgermeister Dr. Gert Hoffmann im  Juni 2010 auf dem Braunschweiger Schlossplatz eine Gedenkplatte enthüllt. Zu lesen ist auf der Tafel ein Zitat des Dichters Heinrich Heine aus dem Jahr 1821:

„Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“

Der im Nachhinein prophetisch klingende Text Heines bezog sic übrigens historisch auf eine Verbrennung des Korans nach der Eroberung des spanischen Granada durch christliche Ritter unter dem inquisitorischen Kardinal Gonzalo Jiménez de Cisneros.

Oberbürgermeister Dr. Hoffmann (CDU), der die Braunschweiger Gedenkplatte 2010 enthüllte, war übrigens in jungen Jahren Funktionär der Studentenorganisation der neonazistischen NPD.

Text & Bilder: © 2018 Jos van Aken

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Tap Dance, Drehleier
und Röhrenspieß-Laute

Seit jeher müssen wir nicht unbedingt gleich in hochsubventionierte, aber alles andere als billige Weihestätten der Hochkultur pilgern, um musischen Genüssen zu frönen. Oft reicht auch der Einkaufs- oder sonstige Bummel durch die Fußgängerzonen und über die Marktplätze der Städte, um von einem Mini-Openair-Konzert zum nächsten zuschlendern, bei Gefallen zu verweilen – und hoffentlich einige Münzen als Honorar im Schüsselchen der Interpreten klimpern zu lassen. Straßenmusik war bekanntlich nicht selten die erste Sprosse auf der Erfolgsleiter zur ganz großen Karriere von Stars wie den Kellys, Rod Stewart oder Paul Simon.

Tapdance zu Evergreens auf zwei
mobilen Etagen

Vergleichen wir übrigens mal frevelhaft die unbestreitbaren Vorzüge der Live-Auftritte auf dem Asphalt und den Pflastersteinen der Kommerz-Malls einerseits und die der immerhin meist wetterfesteren Treffen zum kollektiven Kultur-Konsum in Theatern, besser bekannt als Husten-Häuser, oder Stadt- und sonstigen Hallen:

Die Genuss-Garantie bieten die mehr oder weniger sündhaft teuer erkauften geschlossenen Veranstaltungen ebenso wenig wie das den Straßenmusikern mehr oder weniger geneigte Ohr des Passanten – aber der Passant heißt nicht nur so: Er kann bei Misstönen genau das tun, was ihn als solchen ausmacht – er passiert den Ort des akustischen Geschehens, und das zum Nulltarif.

Nostalgie vor dem Kohlmarkt-Brunnen

Der (zumindest Halb-)Bildungsbürger wird sich mit einiger Wahrscheinlichkeit selbst bei einer von ihm so empfundenen Kakophonie gründlichst überlegen, ob er den Ort der Sinnes-Folter vorzeitig fluchtartig verlässt; hatte er doch sein sauer verdientes Geld an der Konzertkasse hingeben müssen – in der seligen Illusion und Hoffnung auf einen Sinnenrausch.

Wie auch immer: Straßenmusiker locken mich samt Equipment fast immer an wie die Motten das Licht – nicht etwa, weil ich wie einst Marlene Dietrich von Kopf bis Fuß auf (Musik-)Liebe eingestellt wäre. Mich reizt meist mehr die optische Darbietung der Straßen-Virtuosen.

Immer wieder zu erleben in der Braunschweiger Fußgängerzone: Ein chinesischer Erhu-Virtuose; dieses Streichinstrument gehört zu der Familie der Röhrenspieß-Lauten.

Text & Bilder:© 2018 Jos van Aaken-Maas

Propeller, Breakdancer – oder doch
in den guten alten Scooter ?

Ganz ehrlich? Ich bin schon seit Jahrzehnten nicht (mehr) der schmerz- und schwindelfreie Rummel-Fan. Und selbst die traditionelle Frühjahrs-„Masch“, die Frühjahrsmesse auf dem Braunschweiger Schützenplatz an der Hamburger Straße, kann mich eher weniger reizen – anders als die „Kirmes“ meiner Kindertage am unteren Niederrhein, die für mich ein absolutes „Muss“ war. Aber am Sonntag galt es wieder einmal, eine klassische Kamera, die Rollei-Kleinbild-kamera Rolleiflex 3003, zu testen. Bis zur Masch ist es nicht weit, und das Wetter war mit strahlendem Sonnenschein plus Schönwetter-Gewölk optimal.

Nach meiner Rückkehr hatte sich meine seit langem abgeflaute Rummel-Lust nicht wiederbelebt; aber für einige reizvolle Fotomotive hatten die Schausteller dann doch gesorgt. Schauen Sie selbst. Hier zunächst Impressionen vom „Propeller“, einem rund 40 Meter hohen modernen Foltergerät, das aber (oder vielleicht deswegen) bei der Jugend offensichtlich der absolute „Burner“ ist:

Und hier noch einmal zwei Kirmes-Dauerbrenner: Der Breakdancer – und natürlich der gute alte Scooter:

Text & Bilder: © 2018 Jos van Aken

Nicht vergessen: Die toten Kinder am Giersberg und ihre Mütter

Gläubige Christen feierten an diesem Wochenende die wundersame „Wiederaufstehung“ ihres Religionsgründers Jesus Christus, drei Tage nach seiner grausamen Hinrichtung, einer grausamen Kreuzigung. Konkret geht es dabei um die Entdeckung des leeren Grabes Christi in Jerusalem.  Irgendwie  also eine Art „Happy end“ des dramatischen Geschehens rund um das Leben und Sterben des – wie die Christen glauben – „Sohnes Gottes“. Wenn, wie gerade jetzt zu Ostern, wieder mal die Rede vom Grab Christi ist, habe ich eigentlich aber andere, weniger bekannte Gräber vor Augen. Vor einigen Tagen war ich wieder einmal dort:

Zu finden sind sie nicht auf einem der bekannten Friedhöfe der Stadt Braunschweig, wo die sterblichen Überreste der Bürger gern und oft von trauernden – und geschichtsbewussten -Menschen besucht werden, die ihrer verstorbenen Angehörigen gedenken oder die oft kunstvoll gestalteten Gräber berühmter Braunschweiger vom Dramatiker Gotthold Ephraim Lessing  über den Automobil-Pionier Heinrich  Büssing bis hin zum Schriftsteller Wilhelm Raabe zu bewundern.

Der Friedhof, an den ich gerade wieder einmal während der Osterfeiertage denken musste, liegt an der Hochstraße auf dem Giersberg im Schatten des 1901 gebauten Wasserturms. Bis zum Bau des Wasserturms wurde der Platz als Friedhof der katholischen Nicolai-Gemeinde genutzt (Die Nicolaikirche wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört).

Heute dokumentiert dieser wenig bekannte  Friedhof das wohl dunkelste Kapitel der jüngeren Braunschweiger Geschichte und die Verstrickung Braunschweiger Firmen in die Verbrechen der Nationalsozialisten. Während des Zweiten Weltkriegs  wurden in den Jahren von 1942 bis 1944 mehr als 380 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter auf dem ehemaligen Nicolai-Friedhof neben dem Giersberg-Wasserturm begraben.

Die versklavten Frauen und Männer starben an den Folgen menschenunwürdiger Lebens- und Arbeitsbedingungen oder kamen  bei Luftangriffen auf Braunschweig um, denen sie schutzlos ausgeliefert waren.

Sie waren aus Polen, Italien, Belgien, den Niederlanden, Frankreich, Österreich, Ungarn, Bulgarien,  der Sowjetunion und der Tschechoslowakei nach Deutschland verschleppt worden, und mussten auch in Braunschweiger Traditionsunternehmen, vor allem in der Rüstungsindustrie,  unter menschenunwürdigen Umständen arbeiten.

Begraben, gleichgültig verscharrt wurden auf dem Friedhof am Wasserturm auch mehr 150 polnische Kinder. Ihre Mütter mussten sie  in einem im Mai 1943 an der ehemaligen Broitzemer Straße 200 (heute Münchenstraße) von den Nazis errichteten sogenannten „Entbindungsheim“ zur Welt bringen.

Wenige Tage nach der Geburt wurden die Mütter wieder zur Zwangsarbeit geschickt, die Säuglinge blieben unter unvorstellbaren hygienischen Umständen und  ohne wirkliche medizinische Versorgung, von einer gesunden Ernährung ganz zu schweigen in dem „Entbindungsheim“ allein zurück. 

Bis April 1945 starben mindestens 365 Säuglinge und Kleinkinder in den drei Baracken des Heims, hilflos dem Hunger und der Vernachlässigung ausgesetzt. Grausam auch der Umgang mit den kleinen Leichnamen: Sie wurden in  10  kg-Margarine-Kartons verwahrt, im Waschraum gestapelt und gelagert, bis sie nach einigen Tagen fortgebracht wurden berichteten später Zeitzeugen.  Die polnischen Kinder wurden auf den Friedhof an der Hochstraße gebracht und dort achtlos begraben, die sowjetischen Säuglinge im Krematorium verbrannt.

Am Eingang wurde eine Informationstafel aufgestellt. Auf dem Gräberfeld der Zwangsarbeiter wurden Steinplatten mit Namen und Herkunft angebracht und einzelne Steinkreuze aufgestellt. Im hinteren Teil, in dem die Säuglinge und Kinder begraben wurden, wurden weiße Steinkreuze und eine große Steintafel mit allen bekannten Namen aufgestellt.

 

 

 

Text & Bilder: © 2018 Jos van Aken