Wheelchair Tester
– wider Willen …

„I guess that’s why they call it the blues“
oder: Rollstühle sollten maßgeschneidert sein

Rolli_real

 

 


Hier die Audio-Version auf Soundcloud – Sprecher: Jos van Aken

Natürlich bin ich kein gelernter „Rollstuhl-Tester“. Aber wie das Leben nun mal so (mit unsereiner wie mit jedem anderen auch) spielt, rutscht man zuweilen in Rollen und Herausforderungen, die eigentlich so nicht geplant waren. Aber wie sang schon Altmeister Brecht so schön schräg, aber trefflich in der Dreigroschenoper:

Ja, mach nur einen Plan
sei nur ein großes Licht
und mach dann noch ’nen zweiten Plan
gehn tun sie beide nicht.

In irgendwelchen Plänen kamen bei mir weder Rollatoren noch Rollstühle vor. Nun, das Leben selbst schreibt ganz andere Pläne – und dann wird es ja meist erst wirklich spannend. Bei mir heißt das zurzeit: Der Rollstuhl muss her, damit ich – politisch korrekt ausgedrückt – wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Einfacher gesagt: Meine Beine wollen nicht mehr so wie ich will – und ich bin zwar begeisterte und bekennende Couchpotatoe; wer aber dieser erbaulichen Beschäftigung erst mal gezwungenermaßen ein paar Monate fast ununterbrochen leidenschaftlich gefrönt hat, dem steht dann doch der Sinn wieder danach, die Welt da draußen mal im Original in wirklichen Farben und in echtem, begreifbaren 3D zu erkunden.

Einfach mal wieder raus

Ganz kurz gesagt und auf den Punkt gebracht: Ich will endlich wieder raus, will dahin gelangen, wohin mir gerade der Sinn steht.

Real
Und damit sind wir schon wieder bei einem „Plan“. Der Plan war ganz einfach: Tante Emma hat ja schon vor Jahrzehnten ihren Laden dicht gemacht – aber Supermärkte ziehen mich mittlerweile auch geradezu magisch an.

Es hat was fast philosophisches, den Regal-Dschungel mit den kunterbunt verpackten Waren aus aller Welt zu erkunden, durch endlose Gängen zu streifen, geradezu detektivisch zu erforschen, wohin sich die Gewürze, die doch vor einer Woche verlässlich im zweiten Gang rechts ganz hinten zu finden waren geflüchtet haben – dem unergründlichen Plan (schon wieder ein Plan) der Supermarkt-Strategen gehorchend und mit der Absicht, die verehrte und hoffentlich zahlungswillige und zahlungskräftige Kundschaft immer wieder aufs Neue auch durch die letzten Ecken des Konsumtempels zu scheuchen.

Auf eines können wir uns übrigens verlassen: Haben wir uns an den neuen Stammplatz der Gewürztütchen gewöhnt – werden sie von emsigen und unterbezahlten Markthelferlein flugs wieder ganz woanders angesiedelt – und die Suche beginnt von neuem.

Das große Abenteuer „Supermarkt“

Aber dieses nur am Rande erwähnt. Für mich gehört das „Bäumchen, wechsel dich“-Spielchen mit wandernden Produkt-Platzierungen zum Abenteuer Großeinkauf ebenso dazu wie das stoische Schlangestehen an den Kassen – und unsere unfreiwilligen Slapstick-Einlagen, wenn wir blitzschnell die Kassen-Schlange wechseln, um vielleicht doch ein bisschen eher dem Konsum-Terror zu entkommen, aber dabei grundsätzlich hinter der einzigen Kundin landen, die weitläufig mit der Kassiererin verschwägert ist und mit ihr nur mal schnell die neusten familiären Skandälchen austauscht. (In der ursprünglichen Schlange, die wir oberschlau verlassen hatten, geht es derweil munter und ohne Unterbrechung weiter) Zwar habe ich dafür ungeahnte Einblicke in das Intimleben von Cousine Marie, die jetzt „einen Neuen“ hat, wie diw Kassiererin der die Kasse vor mir blockierenden mittelschweren Blondine unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut.

Aber Maries Neuer und seine gewiss beglückenden Fähig- und Fertigkeiten auf diesem oder jenem Gebiet gehen mich genau genommen nichts an – und ich will nur noch endlich wieder viel mehr bezahlen als mein ganz persönlicher Haushalts-Plan (!) es eigentlich vorsah.

Wenn die letzte Bank verschwindet

Aber ich schweife mal wieder ab. Das ist nun mal so: Wer sich in den Supermarkt begibt, kommt darin zwar nicht um wie es das Sprichwort will, aber er verliert sich regelmäßig in all den Möglichkeiten und unvorhersehbaren Eventualitäten, die so ein Hort des Schwelgens in Konsumfreuden und -leiden zu bieten hat.

Auf all das hatte ich seit etlichen Monaten verzichten müssen – nicht zuletzt, weil bei einer der bereits kurz erwähnten Umräumereien die einzige Rentner- und Fußkranken-Ruhebank an für mich strategisch entscheidender Stelle – nämlich zwischen Drogeriewaren und Toilettenpapier-Regal auf rätselhafte Weise verschwunden war und nie wieder auftauchte. Das versaute mir damals die Großeinkaufsfreuden endgültig – zeitweise zumindest.

War diese Bank doch genau an der Stelle positioniert, bis zu der ich – mühsam und immer lahmer und steifer werdend ich es damals gerade noch fußläufig mit Hilfe des Rollators schaffte.

Real_panic

Heute nun hatte ich einen neuen Plan (ja, lieber Brecht, ich weiß: Gehn tun sie beide nicht). Im Info- und Service-Bereich steht ja in jedem Supermarkt, der auf sich hält, ein Rollstuhl herum und wartet darauf, dass jemand ihn endlich einmal ausleiht. Dem Supermarkt-Managment gibt das die Gelegenheit, sich damit gleichermaßen selbst auf die Schulter zu klopfen „Seht her, wir haben nicht nur ein Herz, sondern sogar einen Rollstuhl für Behinderte.“

Toll.

Und dieser Rollstuhl war Gegenstand meines Plans.

Zwar müsste, wenn ausnahmweise alles mal mit rechten Dingen zuginge (träumen wird man ja wohl noch dürfen) längst ein funkelnagelneuer eigener, ein federleichter und dabei stabiler,stylisch mattschwarzer Aktivrollstuhl in meiner Garage stehen, allzeit bereit, mich dahin zu rollen, wohin es mich gerade zieht – aber alle daran Beteiligten vom schlamperten Sanitätshaus über den Arzt, der offenbar vergessen hat sein Gutachten loszuschicken, bis hin zur kostentragenden Krankenkasse, die immer noch nicht begriffen hat, dass sie Dienstleistungsunternehmen ist und an geltendes Recht auf Teilhabe gebunden, scheinen sich verabredet zu haben. Will sagen: Da steht noch lange kein meine Mobilitätsgrenzen sprengender Rollstuhl in meiner Garage.

Macht ja nix, so mein naiver Gedankengang. Da gibt es ja noch den Leihrolli im Supermarkt.

Wenn Leihgaben zu Ladenhütern werden …

Um es abzukürzen: Ich wurde zum Rollstuhl-Tester wider Willen – und: Ich weiß jetzt, warum dieser großzügig von den Supermarkt-Gutmenschen als Leihgabe gesponserte Rolli wie festgewachsen am Info- und Service-Tresen steht.

Ich hätte es wissen müssen, spätestens als sich die freundliche und zuvorkommende Supermarkt-Mitarbeiterin am Tresen sichtlich wunderte, dass (vielleicht nach Jahren?) ein behinderter Kunde sich freiwillig und seinen Personalausweis als Pfand hinterlassend dem Leih-Rolli anvertrauen wollte.

Als ich mich in seliger Vorfreude auf ein schmerz- und barrierefreier Rollen durch die Weiten des Marktes behaglich seufzend im Rollstuhl niederlassen wollte, wusste ich warum diese Supermarkt-Leihrolli so gut wie nie ausgeliehen wird – und warum ich ab sofort mit doppelter Energie und noch viel mehr Sturheit wie ein Löwe gegen alle Widerstände für „meinen“ maßgeschneiderten eigenen Rollstuhl kämpfen werde.

Dieser Leihrollstuhl war logischerweise keine Maßanfertigung, sondern „von der Stange“. Und zwar offensichtlich für ein gertenschlankes elfenartiges Wesen von der Größe nicht viel höher als eine gute alte Parkuhr gedacht. ich bin weder eine gertenschlanke Elfe noch größenmäßig an die Maße einer Parkuhr angepasst.

Ein halb geklapptes Schweizer Taschenmesser

Als ich, sämtliche physikalischen Gesetze mit Verachtung strafend, mich in den Leihrolli, der sich letztlich als mittelalterliches Folterinstrument aus der Werkstatt der heiligen Inquisition herausstellte, gequetscht hatte, kam ich mir vor wie ein Schweizer Taschenmesser – und zwar halb geklappt. Ich bin noch nie so viel fotografiert worden – aber ich kann es verstehen: Denn Knipsern ging es nicht etwa um meine ebenmäßige Physionomie, die eine ruhige männliche Würde ausstrahlt (normalerweise). Nein, sie ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen,endlich mal einen Affen auf dem als Rollstuhl getarnten Schleifstein in ihre fotografische Sammlung von Katastrophen auf Rädern einzureihen.

Mein Testurteil habe ich in der Titelzeile für diese Zeilen zusammengefasst. Elton John muss ähnliche Erfahrungen wie ich heute bei meinem Leih-Rolli-Test gemacht haben als er schrien und sang: „I guess, that’s why they call it the blues“.

Jos van Aken