Fotografie – nur „schön“?

Jos_KameraMeine Generation hatte zumindest zeitweise eine „schwere Kindheit“ – nämlich immer dann, wenn die Eltern nach jeder kleinen oder großen Urlaubsreise das Wohnzimmer („gute Stube“ hieß das damals wohl) verdunkelte als sei immer noch Krieg und ein Bomberangriff sei im Anflug. Aber ganz so schlimm war es doch nicht. Der Krieg war seit Jahren zu Ende, und das Wirtschaftswunder überschüttete uns mit seinen mehr oder weniger begehrte, oft fragwürdigen Wohltaten.

Öde, sorgsam verdunkelte Abende mit Präsenzpflicht

Und eine dieser Wohltaten versprach uns einen todlangweiligen, öden Abend – in Farbe (obwohl es bis zum Farbfernsehen noch weit hin war). Spätestens, wenn der Diaprojektor und die gestapelten Kästen mit den kleinen gerahmten Diapositiven hervorgekramt wurde, war sicher: Wir konnten dem Ungemach nicht mehr entfliehen. Weil: An Dia-Abenden bestand Anwesenheitspflicht.

Weder echte oder vorgetäuschte Müdigkeit noch ein plötzlicher Ausbruch von Pflichtversessenheit und dem frech gelogenen Hinweis, da müssten ganz dringend noch ein paar Hausaufgaben erledigt werden, wurden als als Entschuldigungsgrund anerkannt. Wir hatten gefälligst Papas lichtbildnerische Ergüsse zu bewundern – stundenlang.

Die Postkarten-Schönheit der Eifel

Suedsee-LichtDie Erwachsenen ertrugen das auch nur mit leicht alkoholischer Betäubung in Form von „echt trockenem“ Mosel oder gleich diversen „lüttjen Lagen“ (Bier und Klarer). Wir blieben bei eher lieblich-klebriger Limo kindlich-nüchtern und ließen die geknipste Schönheit der Eifel, des Bodensees oder des Schwarzwaldes still leidend über uns ergehen – pflichtschuldigst in regelmäßigen Abständen Begeisterung vortäuschend.

Das waren noch schöne Fotos damals. Jenseits jedem Gestaltungswillen wurde auf alles gehalten, was auch auf Ansichtskarten zu haben war, je nach Innigkeit des Verwandschaftsverhältnisses tauchte eine stereotyp festgefroren lächelnde Frau mit Handtasche mittenmang der Sehens“würdigkeiten“ auf, die wir erst beim zweiten Hinsehen als unsere geliebte Mutti zu identifizieren in der Lage waren: So erstarrt-verkrampft und unnatürlich-„natürlich“ kannten wir sie sonst nicht.

Schön bunt – schön „natürlich echt“

Die Absicht unseres Erzeugers, der keine Ausgaben scheute, immer den technischen „Goldstandard“ in Sachen Fotografie sein Eigen zu nennen, war gar nicht mal die, seine Familie zu terrorisieren – davon ahnte er nichts. Ich erinnere mich noch, dass die Braunschweiger Voigtländer Bessa- und später Ultramatic irgendwann von einem schweineteuren Leica-Modell (M5) abgelöst wurde, mit denen er unentwegte weitere hart an der Grenze zur Folter vorbeischrammende Dia-Abende produzierte. Die unumstößliche Motivation, immer wieder auslösend den Zeigefinger zu krümmen: Schönheit auf Agfa und Kodachrome festhalten – möglichst „natürlich“.

HeuballenAn diesen scheinbar endlosen Diaabenden muss die Grundlage geschaffen worden sein, die mich fast täglich zu irgendwelchen Kamreas greifen läßt – übrigens nicht solche, die das Prädicat „State of the Art“ verdienen. Zwar fasziniert mich Technik durchaus – ein Überbleibsel seliger Märklin-Kindheitstagen und unstillbare Lust am „Rumspielen“. Ich habe in jungen Jahren durchaus den Ehrgeiz entwickelt, handwerklich „saubere“ Fotos zu produzieren; unter anderem hatet ich das Glück, meine Ausbildung zum Zeitungsredakteur mit einem Volontariat als Pressefotograf parallel ergänzen zu dürfen.

Im Laufe der Zeit wurde es mir immer wichtiger, meine Bilder zu „komponieren“ – zunächst im Sucher der Kamera und in der „Dunkelkammer“, dem Schwarzweiß-Labor.

Neue Bildsprache – dank digitaler Technik

Fotografie neu entdeckt habe ich für mich mit der neuen digitalen Technik – zunächst eine reine Spielerei wegen der mangelhaften Auflösung und Bearbeitbarkeit der „Digis“. Heute träume ich mich zwar noch hin und wieder in die ganz eigene Welt der analogen Fotografie mit ihren unverwechselbaren „Dialekten“ der Bildsprache. Aber die digitale Aufnahme- und Bearbeitungstechnik gibt mir letztlich doch erst die Möglichkeiten, die ich versuche bei der Gestaltung meiner Bilder zu nutzen.

Meine Fotografie hat sich im Laufe der Jahrzehnte weit von der Produktion „schöner“ Bilder entfernt. Bildentscheidend ist nicht mehr der möglichst „naturgetreue“ Abklatsch von Gegenständen, Landschaften, Menschen und Szenarien -, also „Naturalismus“; zumindest interessiert es mich nicht mehr sonderlich.

Das Bild „hinter dem Bild“
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Wichtig ist das, was ich nicht etwa einfach mit dem Sehorgan Auge „auf den ersten Blick“ sehe, sondern das, was mit dieser äußerlichen rein optischen „Wahrheit“ in mir geschieht. Es ist das, was ich die innere Wahrheit der Bilder nenne, es sind die Gedanken, Emotionen und Assoziationen, die der erste Blick in mir auslöst. Das sind meist ganz un- oder unterbewusste Prozesse, die ich zunächst gar nicht wahrnehme.

Typisch ist, dass ich zuweilen erst einmal gar nicht weiß, warum ich dieses oder jenes mit der Kamera festgehalten habe. Oft bleibt Rohmaterial Wochen- und monatelang im Archiv, bis ich dann wieder darauf aufmerksam werde – und beginne, zu gestalten, was dieses Bild sagt. Und das ist der Kern meiner Fotografie: Die Bildsprache. Jedes Bild, auch das banalste in der unsäglichen Diaschau vergangener Kindheitstage, spricht zu uns. Gestaltete Fotografie erzählt uns etwas, oder sie löst „nur“ Gefühle wie Freude, Trauer, Wut und Zorn, auch tief in uns schlummernde Schichten des Unterbewussten aus.

Das ist nichts Neues. Wir kennen es aus allen Produkten bildnerischen Gestaltens – und auch viele Fotografinnen und Fotografen „machen Kunst“ – ganz große, vor der ich in Ehrfurcht verstumme oder auch „kleine“, nicht so bedeutende, die das Instrumentarium des Kunst-Marketings nicht so smart und clever nutzt.

Wortlose Kleinkunst – vielsagend

Ich persönlich habe nicht den Anspruch, „hehre“ Kunst für das hoch verehrte (und gut zahlende) Publikum zu produzieren. Der oft missbrauchte Begriff „Kunst“ macht mich misstrauisch – auch mir selbst gegenüber. Dennoch begegne ich ziemlich oft Reaktionen, die mir „Kunst“ unterstellen – ist ja auch nichts wirklich Unanständiges. Wenn ich meine Bilder in dieser Begrifflichkeit einordnen sollte, würde ich von „kleiner Kunst“ sprechen – richtiger: von Kleinkunst. Meine Fotografie ist meine Sprache, die das, was ich spreche und schreibe um weitere Ebenen erweitert, ergänzend klarer macht. Oft ist die Sprache meiner Bilder eben vielsagender als die meiner Texte.

Jos van Aken

Parkiportrait
Aus der Not sowas ähnliches wie eine Bildtugend gemacht: Das unbemerkt fotografierte Portrait eines Parkinsonkranken war ursprünglich  in voller Größe, also identifizierbar aufgenommen worden, und  MIT EINWILLIGUNG des Fotografierten zunächst in meinem Blog veröffentlicht worden. Die Einwilligung wurde zwar nicht  zurückgenommen, aber ein Parkinsonforum, mit dessen Vereinsvorstand ich Meinungsverschiedenheiten hatte, drohte für ein ähnliches, bei derselben Gelegenheit entstandenes (ebenfalls „zugestimmtes“) Portrait mit rechtlichen Schritten, die für mich existenzbedrohend waren. In diesem Fall habe ich das Bild per Ausschnitt anonymisiert.

NACHTRAG:  Probleme bereitet mir die Gesetzeslage, die ein mir überaus wichtiges Projekt nahezu unmöglich macht?

Es geht um die Gesetzeslage, die ein mir überaus wichtiges Projekt nahezu unmöglich macht. Damit es keine Missverständnisse gibt: Ich bin ein entschiedener Befürworter des Datenschutzes im allgemeinen und des Rechtes am eigenen Bild insbesondere. Aber gerade dieses wirklich wichtige Rechtsgut macht mir in der Praxis mein Projekt „Streetphotography“ fast unmöglich.

Zum besseren Verständnis: Neben sogenannten „Totalen“ und „Halbtotalen“ von Straßenszenen  (in denen Menschen ohne besondere Genehmigung als „unwichtiger Bildbestandteile“ auftauchen dürfen) sind Großaufnahmen und Portraits von Menschen im öffentlichen Raum ein ganz wesentlicher Schwerpunkt des Genres Streetphotography.

Nach den gut gemeinten und ebenso sinnvollen wie berechtigten gesetzlichen Bestimmungen des Rechtes am eigenen Bild müsste ich, um mich nicht juristisch ins Unrecht zu setzen, die von mir Portraitierten (auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder in Shopping Malls  zum Beispiel) VOR der Aufnahme, spätestens jedoch UNMITTELBAR NACH der Aufnahme um ihre Einwilligung bitten – und diese Einwilligung müsste beweiskräftig sein, also entweder schriftlich erteilt werden oder vor Zeugen erfolgen.

„Bitte ganz locker bleiben …“

Genau das ist in 95 Prozent der Fälle nicht möglich. Unbefangen und damit ausdrucksstark sind die „Models“ nur, wenn sie nicht wissen, dass sie fotografiert werden. Also entfällt schon mal in fast allen Fällen die Frage nach der Einwilligung VOR der Aufnahme („entschuldigen Sie bitte, ich werde Sie gleich ohne dass Sie es bemerken, fotografieren. Darf ich? Und bleiben Sie um Himmels willen gaaanz locker!“ – DAS Bild kommt nicht zustande – von wegen „Fotografiergesicht“)

Diese beiden Damen konnte ich (nachdem ich sie fotografiert hatte) um die Erlaubnis fragen, das Bild zu veröffentlichen. Sie stimmten zu.
Diese beiden Damen konnte ich (nachdem ich sie fotografiert hatte) um die Erlaubnis fragen, das Bild zu veröffentlichen. Sie stimmten zu.

Die Frage nach der Einwilligung NACH der Aufnahme ist etwas öfter realistisch möglich, aber meist eben auch nicht: Ich befinde mich mit dem nichtsahnenden „Model“ nicht etwa in einen ge- oder gar verschlossenen Raum. Das bedeutet in der Praxis: Bevor ich nach der Aufnahme (meist mit einem Teleobjektiv) die Distanz zu meinem „Opfer“ überwunden habe, ist das Model im Gewühl verschwunden.

Auch hier liegt das Einverstänis der Großmutter vor. Voraussetzung: Die Kinder sind nicht zu erkennen. Das ist natürlich in Ordnung.
Auch hier liegt das Einverstänis der Großmutter vor. Voraussetzung: Die Kinder sind nicht zu erkennen. Das ist natürlich in Ordnung.

Ich finde in meinem Archiv immer wieder Fotografien mit solchen Porträts, die es wert wären, veröffentlicht zu werden – selbstverständlich sind die Abgebildeten nicht in entwürdigender oder diffamierender Weise abgebildet.

In der rechtlichen Grauzone

Ich habe es bisher immer wieder gewagt, mich diesbezüglich auf rechtlich hauchdünnes Eis zu begeben – und habe hin und wieder solche Bilder veröffentlicht. Lediglich in einem einzigen Fall hat mich eine Abgebildete (absolut im Recht damit) aufgefordert, das Bild wieder aus dem Internet zu entfernen. Das habe ich selbstverständlich getan. Aber ein ungutes Gefühl bleibt doch.

 

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Ein Gedanke zu „Fotografie – nur „schön“?“

  1. ………bin immer wieder überrascht:
    wie kann ein Mensch so viele Worte haben, die zu kompletten Sätzen zusammen fügen und damit auch noch einen Sinn wieder geben – der zu allem Überfluss, dann auch noch polarisiert!

    sehr schön!

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