Hier steht er wirklich (nicht mehr)
und der mit dem Kasten ist nicht weit

Mal standen sie da wie einst der Reformator höchstpersönlich vor dem Reichstag zu Worms, dann verschwanden sie wieder für kurze Zeit (der Sturmgewalt weichend): Die 95 pop-artigen Stelen frei nach einem von vielen Martin Luther-Portraits, die der Renaissance-Maler Lucas Cranach der Ältere der Kunstwelt hinterließ. In Braunschweig erinnern gleich 95 Luher-Stelen des Künstlers Wolf Menzel an die 95 Thesen, mit denen Luther vor 500 Jahren die Reformation initiierte.Hier einige der Fotos, die ich bei Besuchen der Luther-Stelen machen konnte (noch fehlen die jüngsten Bilder, die ich „analog“, also herkömmlich auf Film machte und die noch in Bearbeitung sind).

 

Zum Vergrößern bitte die einzelnen Bilder anklicken

 

 

Aber auch an den Widerpart Luthers, den Ablass-Prediger und -händler Johann Tetzel, der mit seinen dubiosen Geschäften Anlass der Luther-Thesen war, wird in Braunschweig zum runden Reformations-Geburtstag erinnert: Die Graffiti-Künstler Olf Lupin verwandelten einen Übersee-Container in einen riesigen begehbaren Tetzel-Kasten – in solchen Schatztruhen horteten Ablass-Händler wie der berüchtigte Dominikaner-Mönch zu Luthers Zeiten Geld, das ihnen Gut- und Abergläubige freigiebig „spendeten“, um sich so trotz üppiger Sünden aller Art bis hin ztu  Mord doch noch ein konfortables Plätzchen im Himmel zu sichern – kolportiert wird ein Werbespruch Tetzels: 

 

„Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!“

 

 

Die „Tetzel-Kiste“ der Graffiti-Künstler Olf Lupin – hier vor der Magni-Kirche

 

Hat er es gesagt oder hat er nicht? Seit dem Wormser Reichstag – das ist ja nun auch schon wieder 496 Jährchen her – hielt sich hartnäckig ein früher PR-Scoop, der mit zwei Sätzen und einem Schlusswort einen früheren Mönch, der vier Jahre zuvor zum Reformationsgründer des christlichen Glaubens geworden war, zum Volkshelden. Martin Luther, so wird seitdem kolportiert, habe dem Reichstag zu Worms mitsamt einem leibhaftigen Kaiser, die ihn zum Widerruf seiner damals revolutionären Thesen wider Rom und Papst zwingen wollten, trutzig entgegen geschleudert „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen.“ 

 

Die von Christen evangelischer Konfession immer wieder leidenschaftlich diskutierte Frage, was der Reformator Martin Luther denn nun wirklich gesagt habe ist zumindest für Braunschweig entschieden:

 

Heute haben wir gelernt: Es gilt das gesprochene Wort. Und da war vom mannhaften „Standing“ keine Rede. Aber in Braunschweig, da stand er 95fach mit je einer der berühmten Thesen des „feisten Doktors“ – so Luther in der ihm eigenen derben Selbstironie einen Tag vor seinem Tod: Wörtlich soll er gespöttelt haben, man möge ihn in den Sarg legen „und den Würmern einen guten feisten Doktor zu verzehren geben“.

 

Die Stelen auf dem Braunschweiger Schlosssplatz standen wirklich, konnten allerdings auch anders – wenn sie wegen aufziehender erster Herbststürme nicht das Feld äumen mussten, regte die Kunstinstallation Wolf Menzels  viele Passanten an, nicht nur die sich im Winde drehenden Luthers anzuschauen, sondern auch mal einen Blick auf die 95 Thesen zu werfen, die die Stelen – jeweils auf lateinisch und deutsch auf der Brust trugen.

 

Text & Bilder © 2017 Jos van Aken

Autor: Jos van Aken

Herausgeber und Autor der multimedialen Blogs chronischLEBEN (Texte, Fotos, Audio, Video) und des Fotoblogs "in meinen Augen | in my eyes"

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