Information? Nein, danke!
Lieber wieder Grinserüben-Plakate

Jahrzehntelang war ich – nicht nur „berufsbedingt“ als Journalist für Tageszeitungen, Hörfunk und Fernsehen – eher als kommunikationsfreudiger Mensch unterwegs. Das hat sich gelegt. Der Grund für mehr Zurückhaltung und spürbar abnehmende niederrheinische Fröhlichkeit (die ja auch eine  – nicht sichtbare – Mauer sein kann) ist nicht nur in meinem Alter und seinen unvermeidlichen Zipperlein mitsamt einem mittelprächtigen „Parkinson“ zu suchen: Alle paar Jahre werde ich unweigerlich für etliche Wochen ausgesprochen unleidlich und grantig – zumindest, wenn ich unterwegs bin.

Warum? Ist es das Wetter? Oder die Jahreszeit? Oder eine der periodisch auftretenden Übersprunghandlungen dieser oder jener Behörde? Was macht mich gerade wieder so unansprechbar, abweisend und überwiegend übel gelaunt?

Die Antwort auf dieses Phänomen ist ebenso einfach wie unübersehbar: Es darf (soll, muss) mal wieder gewählt werden, diesmal hier in Niedersachsen gleich im Doppelpack. An die Wahl zum Bundestag schließt sich fast ohne Atempause drei Wochen später eine zweite Möglichkeit an, eines der wichtigen demokratischen Rechte wahrzunehmen: In diesem Fall die vorzeitige Wahl zum neuen niedersächsischen Landtag – provoziert von einer Politikerin, die ihre weitere Karriere bei den Grünen nicht mehr garantiert sah und kurzerhand jetzt bei den Christdemokraten ihr Glück versucht. Das kostete die niedersächsischen Sozialdemokraten und Grünen die karge Einstimmenmehrheit.

Klappern und Amnesie-Hoffnung

Klappern gehört bekanntlich zum Handwerk. Das ist wohl so, seit die ollen Griechen die Demokratie erfanden. Es wäre ja nun vielleicht sogar ganz lustig, wenn Die Damen und Herren, die sich zur Volksvertretung berufen fühlen – sich dann mit unschöner Regelmäßigkeit fast ausschließlich als Vertreter dieser oder jener Lobby erweisen und leider nicht ganz grundlos auf eine allumfassende Amnesie von Wählerinnen und Wählern hoffen, die sie zuvor enttäuscht (oder schlichtweg belogen und betrogen) hatten.

Dennoch könnte es gewisse Risiken mit sich bringen, wenn vor einer begehrenswerte Pfründe und Prominenz bringenden Wahl, im so genannten Wahlkampf, allzu deutlich oder gar eindeutig versprochen würde, was man als so ein Volks- und Lobbyistenvertreter so alles anstellen wolle, falls man gewählt würde.

Da geht eine Bundeskanzlerin schon lieber auf „Nummer sicher“, wenn sie – photoshop-geglättet, mit sonst kaum zu bewundernden gehobenen Mundwinkeln und mit edlem Schmuck behängt – die vieldeutige Aussage „Erfolgreich für Deutschland“ von riesigen Plakatwänden herab verkündet. Für dieses typische Produkt einer modernen aalglatten Werbeindustrie gilt ebenso wie für fast alle anderen Portrait-Plakate:

So sehen diese Typen nicht wirklich aus – und vor allem: Die „Botschaft“ der meisten Wahlwerbeplakate ist alles- und vor allem nichtssagend. Bleiben wir bei dem Beispiel der derzeitigen Kanzlerin, der wir bis auf weiteres auf keinem unserer Wege entgehen können: Wen oder was meint die Politikerin um des Wahlsiegs willen mit „Deutschland“, für das sie Erfolg verspricht?

Kaum zum Verwechseln ähnlich

Meint sie die Hartz 4-Menschen? Meint sie Menschen, die ihr Menschen- und Grundrecht auf politisches Asyl in Anspruch nehmen und deren durch das Genfer Flüchtlingsabkommen garantierte Rechte längst von Politikern aller derzeit regierenden Parteien mit Füßen getreten werden? Oder meint sie doch die Lobbyisten der Industrie und anderer mächtiger Interessenverbände und -vereine, die sich in Parlament und Kanzleramt die Klinke in die Hand geben.

Andere um die Gunst der Wählerinnen und Wähler buhlende Parteien machen es nicht besser: Die Sozialdemokraten zum Beispiel haben anlässlich der anstehenden Bundestagswahlkampf die ehrenwerte Urtugend ihrer Partei aus grauer Vorzeit wiederentdeckt: „Soziale Gerechtigkeit“ verkündet mit blauen Strahleaugen (Kontaktlinsen? Photoshop?) vom Großplakat herab der immer mehr zur tragischen Figur mutierende Spitzenkandidat Martin Schulz. Zitat Schulz, das ich, als Mensch mit Behinderung, tagtäglich zu ertragen habe: „Eine Gesellschaft ist nur dann gerecht, wenn alle Menschen die gleichen Chancen haben“. Recht hat er, der Mann und Kandidat.

Aber auch er vergisst oder verdrängt offensichtlich völlig schmerz- und schambefreit, wie die politische Wirklichkeit gerade der vergangenen, die auch und federführend Sozialdemokraten zu verantworten haben. Ich nenne hier nur mal als Beispiel den skandalösen Umgang der unheiligen Allianz von Christ- und Sozialdemokraten – vorneweg die längst nicht mehr erträgliche Andrea Nehles mit den unter anderem in der UN-Behindertenrechtkonvention festgeschriebenen unmissverständlichen Rechten von Menschen mit Behinderungen: Die versprochene Beseitigung von Barrieren wurde mit der Unterschrift der sozialdemokratischen Ministerin ebenso zur kläglichen Alibi-Scheinlösung wie die weiteren Gesetze, die angeblich Chancengleichheit für Menschen mit Behinderungen herstellen sollten.

Verrat an Behinderten – schon vergessen

All das wird – übrigens auch in den öffentlich-rechtlichen Diskussionen rund um die Wahl – vorsichtshalber gar nicht statt. Im plakativen Wahlkampf der „großen“ Parteien erst recht nicht. Da glauben die Werbeagenturen und die immer gleichen Grinse-Rüben doch tatsächlich, es reiche, die sympathie-gepimpten Portraits der Kandidaten würden unsereiner in die Wahlkabinen treiben und dazu verführen, Kreuze an der jeweils möglicherweise Mehrheiten bringenden Stelle auf dem Wahlzettel zu machen.

Schau’n wir mal: So ein nettes, etwas bemüht lächelndes Moppelchen soll ich wählen? Warum nicht? Was will uns das Plakat des Herrn Müller sonst noch sagen? Er wirbt – wohl nicht ohne Gedanken – vor der Braunschweiger Filiale des ECE-Einkaufszentrums, äußerlich dem im Krieg zerstörten Rresidenzschloss der Braunschweiger Herzöge zum Verwechseln ähnlich. Und da ist, gleich hinter dem christdemokratischen Spitzenkandidaten in der Stadt Heinrichs des Löwen, ja auch eine Figur, mit der sich der Kandidat offensichtlich identifiziert: Das Denkmal des „Schwarzen Herzogs“ – ein Braunschweiger  Rambo und Haudegen, der im Krieg gegen Napoleon getötet wurde.

Schlossherr und Oldie-Rambo-Fan

Was sagt uns also das Großplakat mit dem Braunschweiger Spitzenkandidaten der Christdemokraten: Der Kandidat, den es wieder mal über einen Landeslistenplatz seiner Partei in den Bundestag drängt (also nicht etwa von den Bürgern wirklich gewählt),  sieht sich offensichtlich als so eine Art Schlossherr und hat neben seiner Vorliebe für Oldtimer auf vier Rädern eine Vorliebe für fragwürdige Volkshelden.

Seine Gegenkandidatin, die Spitzenfrau der Sozialdemokraten in Braunschweig Dr. Carola Reimann, verzichtet auf ihrem Großplakat ebenfalls auf jegliche Sachaussage. Mit strahlendem Lächeln verkündet sie immerhin, sie sei und bleibe „Stark für Braunschweig“ – was auch immer das bedeuten soll.

Wer sich immer noch wundert, dass ich auf meinen Wegen durch Braunschweig bis auf weiteres möglicherweise unleidlich und irgendwie grantig erscheine, dem ist nicht zu helfen. Ich jedenfalls fühle mich bis auf weiteres belästigt und für dumm verkauft.

Text & Bilder: © 2017 Jos van Aken

Autor: Jos van Aken

Herausgeber und Autor der multimedialen Blogs
chronischLEBEN (Texte, Fotos, Audio, Video) und des Fotoblogs „in meinen Augen | in my eyes“

Kommentar verfassen