Lichtmalerei mit der Blechkultbüchse

Wäre sie ein bundesdeutscher Arbeitnehmer unserer Tage, dann dürfte sie mittlerweile sogar in Rente gehen – sie wird nämlich 67 Jahre alt. Tatsächlich wurde sie aber schon vor 60 Jahren von ihren Eltern verstoßen – und das im zarten Alter von sieben Jahren. Ich rede von einer Blechbüchse, die in den Jahren zwischen Nachkriegselend und Wirtschaftswunder in gefühlt fast jedem bundesdeutschen Haushalt zu finden war – und zwar nicht etwa in der Küche zwecks Konservierung knackiger Kekse, sondern in der „guten Stube“, wahrscheinlich im Buffet.

Unverwechselbar in Design und Funktion: Die fotografische Blechbüchse der Nachkriegszeit: Agfa 600, besser ekannt als Agfa Synchro Box , die hier frech aus ihrem typischen Ledertäschchen herauslugt. Hier stimmt in allem das Designer-Gebot Nummer eins: Form follows function.

Ich rede und schreibe hier von der legendären „Box 600“, der letzten „echten“ Box-Kamera, die von der Firma AGFA  produziert wurde. Die 1874 gegründete „Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrication“, später kurz AGFA genannt, gehörte bis Anfang der 1980er Jahre zu den ganz Großen der deutschen Kameraindustrie.

Mit der „Box 600“, die besser unter dem Namen „AGFA Synchro Box“ bekannt wurde, knüpften die Münchener Kamera-Schmieden  nach dem Zweiten Weltkrieg nahtlos an die „Blockbuster“-Erfolgsgeschichte mit simplen Box-Kameras der untersten Preiskategorie an, die das Unternehmen seit Erscheinen der ersten, 1930 als „Kleinkamera im Kastenformat für das Format 6 × 9  zum niedrigen Preise von 13 RM“  beworbenen Box begonnen hatte.

Widerstandsfähig und „lichtstark“

Als weitere Vorzüge dieser AGFA-„Urbox“ nannten die Kamera-Pioniere aus München vor 88 Jahren „ein widerstandsfähiges Aluminium-Gehäuse“  und „lichtstarke“ Objektive  – aus heutiger Sicht bei der (einzigen) Blendenöffnung von 1:11 nicht wirklich überzeugend. Aber diese Mini-Öffnung passte wunderbar zur 110 mm Brennweite des Objektivs – und reichte vollkommen zumindest für „Schönwetter“-Bildchen.

Übrigens war die billige Box schon in den 1930er Jahren längst nichts wirklich Neues mehr. Die AGFA-Strategen kopierten damals nämlich eine smarte Idee der Eastman Kodak Company of New York, kurz Kodak. Die US-Amerikaner verkauften seit 1900 ihre unter dem Namen „Brownie“ ihre zur Legende gewordenen „Box Nr. 2“.

Die war zwar nicht aus solidem Aluminium-Blech wie die ersten AGFA-Boxen, sondern aus schlichter Pappe und hatte – wie 30 Jahre später auch die AGFA-Boxen eigentlich nur einen Zweck: Den Verkauf von damals revolutionären Rollfilmen (mit Negativen im 6×9 cm-Format; revolutionär deshalb, weil sie das bis dahin umständliche Gefummel Großformat-Kameras und ihren Glasplatten oder den ebenso unhandlichen Planfilmen in einen  fixen Knips-Spaß verwandelten. Der wurde  von Kodak mit einem verführerischen – und wie ich meine genialen – Slogan beworben : “You press the button, we do the rest!” („Sie drücken auf den Knopf,  wir erledigen den Rest“).

Die AGFA Synchro liebt – wie alle Simple Knips-Büchsen – das „Große Ganze“. Hier dieklassische Totale vom Dowesee.

Aber zurück zu unserer AGFA Synchro Box: Die kostete 1951 19,50 DM (also etwa 10 €) und passte damit perfekt in fast jedes, damals noch karge Familien-Budget.

Wie viele Fotografen, die sich heute wieder intensiv mit der sogenannten „Analog“-Fotografie auf Filmmaterial beschäftigen, fragte auch ich mich, ob man mit diesen durchlöcherten Keksbüchsen (eine Öffnung  fürs Objektiv, zwei für die „Brillant“-Spiegel-Minisucher) jemals mittels ausreichendem Licht Bilder „malen“ konnte, die mehr als den Erinnerungswert hatten. Mit behaglichem Grausen erinnerte ich mich an die Foto-„Abzüge“ meiner Kindertage (leider verschollen), die mittels Kontakt-Kopie im 6×9 cm-Format von den Negativen der Box gezogen wurden. Vergrößern ging zwar, war aber natürlich teurer.  Ich war als vierjähriger Knirps übrigens auch auf unscharfen (weil verwackelten) Box-Bildern leicht zu erkennen: An einem unübersehbaren weißen Verband, der meist eines meiner sturzgeschundenen Knie zierte.

AGFA-Box-Kameras gibt es heute auf realen und virtuellen Flohmärkten zuhauf –  meist sogar zum gleichen Preis wie in der Nachkriegszeit.

I „pressed the button“

Den technischen Spaß mit fotohistorischem Hintergrund konnte ich mir natürlich nicht verkneifen. Also einen Rollfilm ins Blechgehäuse gefummelt, am Spulknopf gedreht, bis im roten Fenster auf der Rückseite des Gehäuses eine 1 erscheint (also das erste Bild von insgesamt acht, die auf den 120er Rollfilm passen) – und nach möglichen Motiven Ausschau halten. Einstellen muss man bei so einer Box nicht viel:

Wer sich ein wenig um bewussten Bildaufbau bemüht – und dann auch noch was riskiert, zum Beispiel auch mal krsassesGegenlicht, hat Chancen, auch mit der einfachen Box bewusst gestaltete Bilder einzufangen

Es gibt – besser als nix -die Wahl zwischen einer „Kurzzeit-Belichtung“ von ca . 1/30 Sekunden Länge und dem obligatorischen „B“ für Langzeitbelichtung (solange der Auslöser-Hebel oder besser ein eingeschraubter Drahtauslöser  gedrückt gehalten wird).  Als Blendenöffnung steht die Blende 11 zur Verfügung. Eine alte Fotografen-Regel behauptet zwar „Wenn die Sonne lacht, nimm Blende acht“; aber das ist Spökenkiekerei, Blende 11 geht schon klar bei Sonnenschein. Außerdem kann ich ja immer noch meinen Box-Joker in Form eines Gelbfilter-Hebels ziehen, wenn’s mir (oder vielmehr dem Film) zu hell wird – das macht zudem noch zwar nicht die Haare, aber doch die Schäfchen-Wolken schön.

Boxen macht Spaß

Entfernung einstellen? Welche Entfernung? Das ging und geht bei so einer Box ganz fix. Die hat nämlich eine einzige Linse als Objektiv – ein sogenannter ein Meniskus, auch Monokel genannt; und das ist ein „Fixfocus-Objektiv“ Dank der ziemlich kleinen Blendenöffnung von 1:11 wird dabei nämlich alles zwischen drei Metern bis „unendlich“ scharf abgebildet – mehr oder weniger.

Fazit: Die „Boxerei“ macht auch heute noch Spaß – und schon beim ersten Versuch am vergangenen Wochenende waren drei von den acht Bildern auf dem Film meiner Meinung nach brauchbar: Natürlich nach Einscannen der Negative und ein wenig digitaler Bearbeitung der analog entstandenen Bilder.


Der Vollständigkeit halber:
Meiner Meinung nach werden zwei weitere AGFA-Nachkriegsmodelle nicht ganz zu Recht meist auch als „Box-Kameras“ bezeichnet: Die Clack und die Click. Ich liebe auch diese verknuddelten Bakelit-Kästchen (mit ein bisschen Blech-Beschlag und ihre unnachahmlichen Auslösegeräusche – eben das satte „Klack“ der Clack und das zarte „Klick“ der Click. Aber ihnen fehlt eben doch das entscheidende Alleinstellungsmerkmal aus der Ära der Boxen: Das minimalistische Büchsen-Design; das gab es zwischendurch übrigens auch mal sogar mit Anklängen an Art Deco.

Text & Bilder: © 2018 Jos van Aken