Blicke zurück in die (Tetzel-)Kiste
und 95 wirbelnde Luther

Zu den Höhepunkten im Reformationsjahr. mit dem überall in Deutschland an die 95 Thesen erinnert  wurde, die Martin Luther vor 500 Jahren in Wittenberg veröffentlichte und damit die Trennung von katholischen und evangelischen Christen auslöste, gehörten in Braunschweig unter anderem zwei künstlerische Installationen: Da waren zum einen die sturmumwehten 95 Stelen des Bildermachers Wolf Menzel, die einen sich munter im Wind rotierenden Martin Luther im Pop-Art-Stil zeigten (plus eine Stele mit dem Portrait von Johannes Bugenhagen, eines Weggefährten Luthers, der auch in Braunschweig wirkte). Hier einige der Fotos, die ich von der Aktion  Menzels auf dem Platz vor den Schloss-Arkaden gemacht hatte. (Zum Vergößern der Bilder aus dieser kleinen Galerie einfach in das jeweilige Bild klicken)

Und dann war da noch der wandernde Übersee-Container, den der Graffiti-Künstler Olf Lupin in einen symbolischen übergroßen begehbaren  „Tetzlaff-Kasten“ verwandelt hatte. Der Tetzelkasten war zu Luthers Zeiten der Kasten zum Sammeln der Erlöse aus dem Ablassverkauf durch den Dominikanermönch Johann Tetzlaff; das war eine einer florierende Geschäftsidee der römisch-katholischen Kirche, die unter anderem Luther zu seinen berühmten 95 Thesen und der Abkehr von Rom bewegt hatte. Um die Menschen zum Kauf seiner Ablassbriefe zu bewegen, die von Sünden „befreien“ sollten,  ließ Tetzel einen Teufel auf den Kasten malen, der die armen Seelen im Fegefeuer quält. Darüber stand geschrieben: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt.“

Die „Tetzlaff-Kiste“ war von Ende August bis Oktober in Braunschweig „unterwegs“. An Standorten vor mehreren markanten Kirchen wie der Magni-Kirche, der Brüdern-Kirche und dem Dom wurde der mit Graffiti bemalte Überseecontainer zur Spielstätte für musikalische und literarische Aktionen des Kulturnetzwerks „Die Stadtfinder“.

Auch dieser Höhepunkt der Feiern zum Luther-Jahr in Braunschweig war Motiv für einige Fotos, die ich an den Standorten der  „Tetzlaff-Kiste“ neben der Magni-Kirche und vor dem Braunschweiger Dom machte.(Zum Vergößern der Bilder aus dieser kleinen Galerie einfach in das jeweilige Bild klicken)

Text und Fotos © 2017 Jos van Aken

 

Luther, Tetzel und eine Wolke

"Immer" ist ja nicht unbedingt "was los" in Niedersachsens zweitgrößter Stadt, Braunschweig. Aber in diesem weitgehend ausgefallenen Sommer konnten sich Guck-, Kunst- und Eventbeflissene Braunschweiger nicht beklagen. Irgendwas war (gefühlt) immer. Typisches Beispiel: Luther war gerade da, sein liebster Feind Tetzel immer wieder auch mal – und auf dem Burgplatz setzt eine hochwissenschaftliche Wolke einen weiteren Akzent neben Veltheimschem Huneborstelschem und Vieweg Haus – vom Löwen dem Dom und der Fake-Burg Dankwarderode mal ganz zu schweigen

Ich habe  noch einmal in meinen Bildsammlungen geblättert und eine Sammlung von Fotos der jüngsten Braunschweiger "Hingucker"-Events und -Aktionen zusammen gestellt, die ich mit der gut 40 Jahre alten Mittelformat-Kamera Mamiya rb67.

© 2017 Jos van Aken

Hier steht er wirklich (nicht mehr)
und der mit dem Kasten ist nicht weit

Mal standen sie da wie einst der Reformator höchstpersönlich vor dem Reichstag zu Worms, dann verschwanden sie wieder für kurze Zeit (der Sturmgewalt weichend): Die 95 pop-artigen Stelen frei nach einem von vielen Martin Luther-Portraits, die der Renaissance-Maler Lucas Cranach der Ältere der Kunstwelt hinterließ. In Braunschweig erinnern gleich 95 Luher-Stelen des Künstlers Wolf Menzel an die 95 Thesen, mit denen Luther vor 500 Jahren die Reformation initiierte.Hier einige der Fotos, die ich bei Besuchen der Luther-Stelen machen konnte (noch fehlen die jüngsten Bilder, die ich „analog“, also herkömmlich auf Film machte und die noch in Bearbeitung sind).

 

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„Hier steht er wirklich (nicht mehr)
und der mit dem Kasten ist nicht weit“
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Message to Maddin L.

Da sitzt eine junge Frau auf einem Denkmalsockel vor dem sogenannten Schloss in Braunschweig. Sie schaut gespannt auf das Display ihres unvermeidlichen Smartphones; offensichtlich macht sie das, was (fast) alle seit einiger Zeit (fast) unentwegt tun: Sie chattet, ist in ein digitales Gespräch mit einem nicht ersichtlichen Gegenüber vertieft.

Vielleicht ist dieser rätselhafte Gesprächspartner aber gar kein "Gegenüber", sondern steht – gleichsam wundersam 95fach geklont durch Wolf Menzel, einen kreativ regen Braunschweiger – auch auf dem Platz des Einkausschlosses rum. Der Reformator hat nach 500 Jahren endlich gelernt, sich nicht nur der technischen Revolution des Buchdrucks zu bedienen (wie zu seinen Lebzeiten), sondern auch die nur durch Serverausfälle und sonstige Katastrophen eingeschränkte (fast) unendlichen Möglichkeiten von WhatsApp und Co.

Ob die junge Dame wirklich eine "Message to Maddin L." losschickt und auf erhellende Antworten des sich 85fach im Winde drehenden Reformators und seiner Thesen wartet – oder doch vielleicht mit dem "Schwarzen Herzog" gleich neben den 95 Luther-Stelen versucht in Verbindung zu treten – keine Ahnung

Text & Bild: © 2017 Jos van Aken