Alte Braunschweiger Dame auf Dauerbesuch

Wer mich ein wenig kennt, müsste eigentlich wissen, dass ich zu Orten, in denen ich lebe, mit der Zeit eine Zuneigung entwickle – ohne deshalb gleich zum (Lokal)Patrioten zu verkommen. Ähnlich geht es mir mit meinem Verhältnis  zur Fotografie und allem, was damit zu tun hat: Ich meine damit vor allem Technik und Apparaturen, die wir benutzen, um Bilder zu gestalten, die unseren Vorstellungen weitestgehend entsprechen. Kurz gesagt: Werkzeuge , die die bildnerische Gestaltung unseren Ideen ermöglichen.  Dass beim Stöbern und Finden von Technik eine mehr oder weniger intensive, auch emotionale Nähe zu Technik in ihren vielfältigen Erscheinungsformen entstehen kann, ist fast unvermeidbar.

Das gilt auch für eine Kamera, die mir vor einigen Tagen eine liebe Freundin, deren Mann leider in diesem Jahr verstorben war, als Dauerleihgabe zur Verfügung stellte. Er hatte als Ingenieur lange Jahre bei Rollei in Braunschweig gearbeitet und war an der Entwicklung einzelner Komponenten der legendären Kameras beteiligt.

Ich bin nun nicht gerade ein Rollei-Experte; kennen und schätzen gelernt habe ich die Kameras aus der Salzdahlumer Straße in Braunschweig aber bereits als 15- oder 16jähriger Bengel: Nach einer “Werra“ und einer “Edixa Reflex“ bekam ich endlich eine Mittelformatkamera: Die Rolleicord Vb. 

Jetzt, rund 55 Jahre später, steht nun also wieder eine Rollei vor mir: Diesmal ist es ein Rolleiflex-Modell, in Braunschweig Ende der 1930er Jahre gebaut und – soweit ich das vor den ersten Bildern mit dieser historischen Kamera beurteilen kann – in einem recht guten Zustand. Das Glas der Objektive (Sucher: Heidoscop Anastigmat 2,8/75, Aufnahme;Tessar 3,5/75) war nur äußerlich verschmutzt und leicht zu reinigen, und der Compur Rapid Verschluss scheint (allerdings nicht gemessen, sondern lediglich gesehen und gehört) auch noch zu funktionieren. Alles in allem scheint es sich um eine „Rolleiflex Automat“ Modell RF 111A zu handeln; sie wurde bis 1939 gebaut.

„Automat“ dank Kurbel

Der verkaufsfördernde Zusatz „Automat“ bezog sich übrigens natürlich nicht auf eine (heute selbstverständliche) Automatisiereung der Belichtung, sondern darauf, dass – anders als damals noch üblich, Filmtransport und Spannen des Objektiv-Verschlusses mit einem einzigen Vor- und Rückschwung an einer seitlich montierten Kurbel erledigt wurden.

Damals mussten Filmtransport zur nächsten Aufnahme und Spannen des Verschlusses meist in zwei „Arbeitsgängen“ erledigt werden (bei hochwertigen Mittelformat-Kameras der 1970er Jahre wie meiner Mamiya rb67 ist das auch heute noch so – alles eine Frage der Gewöhnung)

 So ganz glücklich bin ich mit dem Original Braunschweiger Zuwachs im Kameraschrank aber doch (noch) nicht. Das liegt daran, dass ich eben kein Sammler bin, sondern einer, der die unterschiedlichen Kameras vor allem dazu benutzt, wozu sie gedacht sind: Zum Fotografieren. 

Und da stört es mich doch arg, dass diese gute alte Rollei – von wem auch immer – „verschlimmbessert“ wurde: Ihr (aufklappbares und abnehmbares) Rückteil wurde für das Fotografieren auf 24×36 mm Kleinbildfilm statt der Belichtung auf Rollfilm mit dem Negativformat von 6×6 cm.

Möglich machte Rollei das mit einem technisch durchdachten Konstrukt, der „Rolleikin“-Rückwand zur Rolleiflex und Rolleicord. Sie besteht aus einem für Kleinbildfilme tauglichen Zählwerk, umgebauten Spezialrollen für Kleinbild-Patronen sowie einer modifizierten Filmandruckplatte und Masken für Filmbühne und Suchermattscheibe.

Auf der Suche nach Original-Rollei-Rücken

Diese Veränderung war in den späten 1930er und auch in den 1950er Jahren ziemlich beliebt bei Fotografen, die damals versuchten, die optischen und mechanischen Vorzüge der Mittelformat-Rollei (12 Bilder auf 120er Rollfilm) mit denen des Kleinbildfilms zu kombinieren: auf den passen dreimal soviel Bilder, nämlich 36. Für mich macht das keinen Sinn:

Ich fotografiere mittlerweile am liebsten mit Kameras, die auf Mittelformat-Rollfim 120 fotografieren – mit den Negativ-Formaten vom 6×4,5 (meine Mamiya 645), 6×7 (die Mamiya rb67) und 6×9 (Agfa Billy Record und Pinhole-Umbau Agfa Clack).

Jetzt bin ich auf der Suche nach einem passenden „normalen“ Mittelformat-Rückteil. 

Text & Fotos © 2017 Jos van Aken