Das war’s erstmal – Pause
für den Weihnachtsmarkt

So, jetzt ist erst mal Schluss mit lustig, mit Gedränge und mehr oder weniger passenden Klängen, mit wabernden Feuerzangen-, Glühwein- und meisterlich gebrannten Mandel-Düften. Die Taschendiebe haben ein paar Tage wohlverdienten Urlaub, und wer am morgigen Heiligabend  noch schnell das schon wieder mal verpeilte Geschenk bei der Kunstgewerbe-Bude seines Vertrauens für die Herzallerliebste raffen will, um den gern beschworenen Weihnachtsfrieden eventuell doch noch zu retten, (angeblich eine Spezialität der Spezies „Mann“ – nicht der Weihnachtsfrieden, sondern die Geschenke-Prokrastination), dem ist eines sicher: Ein schief hängender Haussegen: Wer morgen, kurz vor der traditionellen Bescherung,  mit freudiger Erwartung auf den Braunschweiger Weihnachtsmarkt rund um den Braunschweiger Dom strömt, muss mit leeren Händen wieder von dannen ziehen.

Den Braunschweiger Weihnachtsmarkt darf man seit jeher nämlich nicht wortwörtlich nehmen; hier gibt es seit Jahren ist nämlich ein Vor- und Nachweihnachtsmarkt. AlAm morgigen Heiligabend und am ersten Weihnachtstag ist hier Weihnachtsruhe.

Mehr oder weniger bekennende Jingle-Bell- und Last Christmas-Süchtige haben dann aber am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag noch einmal Gelegenheit, sich ganz besondere Atmosphäre des Braunschweiger Weihnachtsmarkts rund um den Dom und auf dem Rathausvorplatz zu gönnen.

Text und Fotos: © 2017 Jos van Aken

 

Lust -Phantasien und Träume vom
tief verschneiten Weihnachtsmarkt

Was haben weihnachtliche Schnee-Idyllen in Norddeutschland und Lust fördernde Leibesübungen gemein? Wenn sie denn geschehen, ist es ja schön  – klar. Aber diese an sich her nicht nur von den Temperaturen her unterschiedlichen Ereignisse im menschlichen Leben haben – zumindest an Orten unterhalb von ca. 400 Höhenmetern noch eine signifikante Übereinstimmung zu bieten: Wunsch und Wirklichkeit sind – je nach den jeweiligen  Umständen – sind in beiden Fällen eher selten in Einklang zu bringen.

Aber bleiben wir beim Bilderbuch-Winter: Der sieht ja, was die Wünsche vieler Menschen angeht,  nicht nur  und nicht erst seit Frank Sinatra die obligatorische  „White Christmas“ vor; ganz tief in uns drinnen haben wir  doch auch den Kindheitstraum von tief verschneiten, sanft von Kerzen erhellten und Duftwolken von Zimt und Bratapfel verströmenden  Ständen auf dem Weihnachtsmarkt bewahrt.

Ja, wo rieselt er denn? Wo rieselt er denn?

Und ja, es gibt solche „typischen“ Winterwetterphänomene wie klirrende Kälte und romantisch verhüllende Schneedecke trotz (oder wegen?) globaler Erderwärmung und Klimawandel durchaus auch in unseren eher gemäßigten Breiten zwischen Lüneburger Heide und Nordseewellen -gilt natürlich auch für Kieler Förde und Greifswalder Bodden. Aber der Schnee-Zauber bleibt meist die Ausnahme. Hier gilt, frei nach Loriot, die neugierige Frage, Ja, wo rieselt er denn? Wo rieselt er denn?

Aber bleiben wir nun doch noch eine Weile bei dem  – zugegeben auf den ersten Blick total blödsinnigen Vergleich weiter oben: Nach bisher unveröffentlichten – statistisch allerdings bislang nicht bis ins Einzelne belegten Studien Göttinger Professoren (die können so was) könnten sich die  Zahlen der Vorkommnisse der immer wieder von der Fachliteratur fast gebetsmühlenartig beschworenen sagenumwobenen Nächte, in denen Männlein und Weiblein in jeglicher Konstellation beglückend nach Luft jschnappend auf Lust Gipfel kraxeln in etwa die Waage halten mit den von Pulver-Neuschnee bepuderten Weihnachtsmarkt Tagen und Abende zwischen Braunschweig und Flensburg.

Mit einem gerüttelt Maß an angeschmuddelter Phantasie, die man mir gern andichtet, könnte ich in diesem Zusammenhang gar den nicht ganz unlogischen Schluss ziehen, dass hin und wieder auftauchende Bilder von tief verschneiten norddeutschen Weihnachtsmärkten fast so etwas sind wie der schamlose Blick durchs Schlüsselloch auf sich mehr oder weniger erfolgreich vereinende Paare – oder so.

Realistischer Blick im Regen
auf den Braunschweiger Weihnachtsmarkt

Diesem Vorwurf will ich mich natürlich nicht leichtfertig aussetzen. Ich habe deshalb in diesem Jahr den zu Recht gepriesenen Braunschweiger Weihnachtsmarkt rund um den Dom und auf dem Rathausvorplatz bewusst nicht an dem einzigen Schneetag (am 1. Adventssonntag) besucht, sondern an einem ganz und gar typischen trüben und verregneten Weihnachtsmarkt-Nachmittag.

Und wenn Frau Holle doch wieder ihre Bettwäsche (!) auch über der norddeutschen Tiefebene lüftet und schüttelt (vielleicht nach einer heißen Liebesnacht mit dem Mann im Mond) – und dabei auch das nicht sinnliche, aber besinnliche und Umsätze fördernde Treiben rund um die Grabstätte des ollen Heinrich und seiner Mathilde trifft – dann kann ich meinen Prinzipien ja vielleicht doch untreu werden. Es lebe der Widerspruch

Text und Bilder © 2017 Jos van Aken

 

gestern kam die weihnachtsfrau mit
alukoffer und ’ner fetten mami (ya rb 67 Pro S)

viele, viele jahre glaubte ich  fest und entschlossen nicht an ihn, und an sie erst recht nicht. ich meine natürlich den weihnachtsmann, das saisonale pendant zum klapperstorch: den gibt’s doch gar nicht. eine weihnachtsfrau erst recht nicht. überhaupt habe ich mit festivitäten, die sich um figuren aus der coke-werbung ranken und unweigerlich in absolutem konsumwahn und altehrwürdigen rituellen familienstreitereien enden – vom umtausch-horror mal ganz zu  schweigen, so meine probleme. ich ignoriere alles, was einen roten mantel und eine blöden-mütze trägt, weitestgehend.

ja, ich widerstehe sogar dem allejahrewiedereinmal-kirchenbesuch – trotz  (oder vielleicht doch eher wegen) römisch-katholischer sozialisation in prägenden kindheits- und jugendjahren. dass mir speiübel wird, wenn nrurtdings eine atemlose aber stimmgewaltige helene fischer saccharin-süßlich und fahrstuhl-geeignet vom  christkind trällert, ist da wohl selbstverständlich – wenn überhaupt, dann überlasse ich die besinnlichkeitsfördernde singerei allenfalls herman van veen. aber selbst den muss ich nicht im wohnzimmer haben (zumindest nicht „froh und munter“ mitsamt dem „jesulein zart“)

große (rb67) und „kleine“ (645) mamiya mit einigen objektiven und zwischenringen (für makro-aufnahmen)

seit einigen tagen gelte ich aber doch (fast) als so gut wie bekehrter weihnachts-gläubiger (heißt das wirklich „gläubiger“? weihnachten schuldet mir doch nix). nein, ich werde auf meine alten tage nicht plötzlich wieder lammfromm oder wasche meine hände in unschuld mit weihwasser. aber mein tapferes leugnen des weihnachtsmannes jeglichen geschlechts ist immerhin zumindest arg ins wanken geraten.

wie das?

süßes jesulein oder märklin-bahn?

wer unschuldigen kindern, die noch nicht das von erwachsener „reife“ zeugende heucheln und lügen erlernt haben, die – zugegeben bei religionsstiftern oder sonstigen gurus eher unerwünschte, weil geradezu gefährliche frage stellt, was für sie das weihnachtsfest (für unsere muslimischen nachbarn das zuckerfest) bedeutet und von herzen freut, bekommt als antworten garantiert nicht das süße jesulein geliefert (allenfalls vielleicht ochs und esel), sondern die märklich-eisenbahn (heute eher die drohne) oder die pinkprotzende knuddel-puppe.

eines meiner bis heute mental präsenten kindheitserlebnisse ist das gleisoval mit diagonal querender abkürzung mitsamt lok, waggons, weichen und transformator der Gebrüder Märklin aus dem schwäbischen städle göppingen. Ich bin den Gebrüpdern bis heute zutiefst dankbar , dass sie sich vom anfänglichen fummeligen basteln von puppenküchen ihrer gründerjahre dann doch auf die technische errungenschaft der damals noch dampfenden feuerrösser und deren miniaturisierung spezialisierten – offenbar übrigens eine kluge entscheidung: trotz kleiner und großer krisen ist die gebr. märklin & cie. gmbh immer noch marktführer in der kleinen, aber feinen modelleisenbahnbranche, wenn auch unter wechselnden eigentümern.

„meine märklin“ gehörte wie auch das knallrote erste „richtige“ Fahrrad, das einige jahre später unter der nadelnden fichte stand (natürlich mit viel lametta – am baum, nicht am zweirad) zu den absoluten highlights meiner kindheit – allenfalls getoppt durch eine einsetzende pubertät.

kürzlich wurde ich an die wundersame spielzeugeisenbahn der spurweite „h 0“ erinnert, die sich (meist) brav in bewegung setzte (vorwärts und sogar rückwärts), wenn ich am hebel des transformators drehte – und mir wohliges gruseln verschaffte, wenn ich kleine und große entgleisungen oder andere katastrophen inszenierte (letzteres zum thema „pubertät“).

erste test mit der mamiya rb67 Pro S, dem makroobjektib 140 und zwischenringen

meine lieblingsschwester, die ich lange, lange jahre nicht gesehen hatte, kam mir vor einigen tagen mit einem – bei uns beiden längst überfälligen anruf zuvor (die dem anlass gebührende antwort am telefonhörer lautet wenig glaubhaft: „na so was gerade wollte ich dich auch endlich mal wieder anrufen“). als ich erwähnte, dass ich mich seit einiger zeit trotz beeinträchtigung durch parkinson und perspektivwechsel (tiefergelegt im rollstuhl) wieder intensiv mit fotografie und bildgestaltung beschäftige, fiel dieser wunderbaren frau spontan etwas ein, das mir  dann doch die sprache für einen moment verschlug. wer mich ein wenig kennt, weiß, was diese meine reaktion bedeutet: ich war, wie man so schön und trefflich sagt, „von den socken“.

ein verlockendes angebot

um es kurz zu machen – oder zum mindesten ein wenig kürzer (ich fürchte, mit den jahren entwickle ich ein gewisses talent in der rolle des geschwätzigen greises): als würde sie mir eine tasse tee anbieten, fragte diese beste aller nur erdenklichen schwestern, ob ich vielleicht interesse an dem alten fotografischen equipment hätte, mit dem sie selbst, ihr leider viel zu früh verstorbener mann, den ich nicht nur als hochprofessionellen fotografen schätze, und meine nichte, ab den 70er jahren erfolgreich eine bundesweite foto-agentur für zeitungen und zeitschriften gestaltete.

diese blüte in nahaufnahme wurde noch nicht mit den mamiyas fotografiert, sondern mit einer vergleichsweise winzigen sony dsc qx 10

was dieses großherzige angebot für mich bedeutet, kann ganz und gar nur nachempfinden, wer sich selbst professionell oder als engagierter amateur  ernsthaft mit fotografie beschäftigt, die über das knipsen von  familienbildchen mit dem handy oder der billig digitalkamera geht.

zur wahren und auch ohne knallroten mantel oder rauschebart unverwechselbaren weihnachtsfrau wurden meine schwester mit meiner nichte dann, als sie sich vor einigen tagen ohne rücksicht auf ihre schmerzlich angeschlagene  gesundheit auf den doch ziemlich weiten und stressigen weg zu mir und meiner frau machten. das wichtigste geschenk waren natürlich die beiden selbst. wir hatten alle viel zu erzählen und fanden uns wieder in  höhen und tiefen unserer kindheit.

ein geniales monster

und da war noch ein großer gut gepolsterter alukoffer – und in ihm: eine alte riesige „analoge“, also nicht digital speichernde,  sondern mit herkömmlichem filmmaterial arbeitende mittelformat-kamera (negativ- und diaformat 6×7 cm) in bestform, nicht zuletzt wenn man ihr relativ hohes alter berücksichtigt: gebaut wurde diese je nach ausstattung bis zu vier kg schwere einäugige spiegelreflexkamera von der japanischen firma mamiya: die unter kennern seit mehr als vier jahrzehnten  als urbild herkömmlichen fotografischen apparatebaus berühmte „mamiya rb67 pro s“. dieses monstrum fand sich bis ende des jahrtausend in fast jedem fotostudio, das wert auf professionelles arbeiten legte.

die vor einigen jahren durchaus noch berechtigte frage, ob solch ein „museumsschätzchen“ angesichts der ständigen neuerungen der digitalen welt der fotografie denn überhaupt noch einen praktische nutzen habe,  darf mittlerweile uneingeschränkt mit einem begeisterten „ja“ beantwortet werden. die fotografie auf film erlebt seit einigen jahren eine  – mich wenig überraschende  -renaissance.

und es ist keineswegs nostalgie von rückwärts gewandten schwärmern für old school techniques. auch die jetzt aufkeimenden ebenso end-  wie meist sinnlosen diskussionen über diese und jene vorzüge oder nachteile dieser oder jener art und weise, aus licht und schatten, farben oder grautönen und anderen gestaltungselementen bilder zu schaffen, die seit mitte des vorvorigen jahrhunderts als „lichtmalerei“, sprich fotografie, einzug in die Welt der Kunst ebenso gefunden haben wie in die der Massenmedien, hat allenfalls am rande mit meinem interesse an den ursprüngen der Fotografie zu tun.

nostalgie – und viel mehr

es geht mir und vielen anderen vielmehr um die herangehensweise an die schaffung von bewusst gestalteten fotografien. die praktische knipserei mit digitalen apparaten von der mittlerweile hochauflösenden handy-kamera bis zur perfekten profi-digitalkamera mit ihren gewiss reizvollen schier unendlichen möglichkeiten der leider nicht selten ohne sinn eingesetzten effekthascherei auf die schnelle ist eine faszinierende bildwelt, der ich mich keineswegs entziehe.

aufgenommen mit der mamiya 645 – langzeitaufnahme 8 sec / f=16

die herkömmliche analog fotografie mit alten, einst sündhaft teuren kameras, aufwändig berechneten linsen (objektiven) und anderem hilfreichen, aber umständlich zu handhabenden zubehör – die ich als jugendlicher und später professionell in meinen ersten berufsjahren vor mehr als 40 Jahren kennen und anwenden lernte, ist etwas ganz anderes als das flotte digitalbilder knipsen. analoge Fotografie zwingt mich zur entschleunigung – und „passt“  im übrigen deshalb auch ganz gut zu meiner durch fortschreitende parkinson-erkrankung bedingte ohnehin zunehmende langsamkeit.

zur echten herausforderung, die mich an die grenzen meiner körperlichen möglichkeiten bringt, die ich aber gerne annehme, wird allerdings die unhandliche größe und das enorme gewicht der mittlerweile historischen kameras, das umständliche hantieren mit unterschiedlichen wechselobjektiven – so genannte festbrennweiten vom weitwinkel bis hin zum telefonieren oder Makro (statt der heute allgegenwärtigen bequemen zoomobjektive – und vor allem die wesentliche unterscheidung,  die alte apparate-technik von heutigen „digis“ abhebt:

entschleunigt und bewusst

ich fotografiere nicht einfach „auf deinem komm‘ raus“ drauflos und sortiere, wähle aus und bearbeite später die bilder meiner wahl am computer. die „alte“ fotografie fordert mich zu einem bewussten gestaltungsprozess vor und während des eigentlichen vorgangs der aufnahme jedes einzelnen bildes.

ich hatte mir aus diesen Überlegungen heraus vor gut einem jahr bereits eine erste „kleine“ klassische kamera der marke mamiya zugelegt: meine mamiya 645 für das „kleine“ mittelformat (negativformat 6×4,5 cm). ich habe in diesem Jahr eine menge meiner halb vergessenen kenntnisse und fertigkeiten der fotografie mit und auf film wieder entdeckt – und einiges dazu gelernt.

das ebenso großartige wie großzügige geschenk meiner schwester eröffnet wieder ganz neue möglichkeiten der Gestaltung (großformstiger) bilder in professioneller qualität. das es außerdem ein herrliches spielzeug ist, brauche ich wohl nicht erwähnen.

ich sag es ja: meine Schwester ist DIE WEIHNACHTSFRAU.

jos van aken